Desperate Journalist – Personality Girlfriend

Desperate Journalist ist eine der aufregendsten Indie-Rock-Bands Großbritanniens, die uns immer wieder Musik mit Post-Punk–beeinflusster Musik erfreut hat. The Cure lassen grüßen. Am 2. Juli wird die Band um Frontfrau Jo Bevan ihr viertes Studioalbum mit dem Titel „Maximum Sorrow!“ veröffentlichen. Man darf gespannt sein, denn die drei vorherigen Alben waren von umwerfender Qualität. „Personality Girlfriend“ ist die neue Single von Desperate Journalist und darauf zeigen die vier erneut, was sie zu bieten haben. Beim Videoclip könnt ihr mitzählen, wie viele einzelne Plattencover zu sehen sind.

Friska Viljor – My Band

Geht es euch auch so? Zwar sind Konzertbühnen und Clubs noch weiterhin geschlossen. Mit dem dem Fortschritt der Impfungen, der Aufgabe der Priorisierung, sodass in absehbarer Zeit auch immer mehr junge Menschen den Impfschutz erhalten können. Man erahnt einen Lichtstrahl am Ende des Tunnels. Da passen die Good News für die Fans skandinavischer Indie-Musik, zu denen ich mich auch zähle, und speziell für die von Friska Viljor. Die beiden Schweden Daniel Johansson und Joakim Sveningsson haben  mit “My Band“heute den ersten neuen Song seit ihrem Trennungs-Album „Broken“ vor über zwei Jahren veröffentlicht. In einem Post auf ihren Social Media-Kanälen kündigen Friska Viljor an, dass dies nur der Anfang einer neuen Runde weiterer Tracks ist: 

Hallo allerseits,

nach diesem seltsamen und dunklen Jahr haben wir den Punkt erreicht, an dem wir das Bedürfnis verspüren, neue Musik zu schreiben und zu veröffentlichen. Wir haben so viele Gedanken und Gefühle, die herauskommen müssen, und welche bessere Form als durch neue Songs? Anstatt ein traditionelles Album zu machen, möchten wir jedes Lied veröffentlichen, sobald es fertig ist. Wir glauben, dass diese Arbeitsweise uns einen Schub an kreativer Energie geben wird und als Bonus die Beziehung zu euch allen das ganze Jahr über und nicht nur für kurze Zeit am Leben erhalten wird. Haltet ihr dieses Setup für sinnvoll?

Bleibt gesund! / d & j

“My Band“ ist ein typischer Friska Viljor-Track. der ihre Anhänger glücklich machen wird.

Greta Isaac -How to Be a Woman

Fokussingle aus der EP Pessimist

Der Song „How to Be a Woman“ beginnt mit einem Frauenchor wie aus einem Musical-Film der 50-Jahre, als Rolle der Frau klar definiert war und die Rolemodels Doris Day oder Grace Kelly hießen. Im folgenden macht Greta Isaac klar, dass sich soviel daran offensichtlich nicht viel geändert hat. Es gibt sie einfach noch, die Erwartungen an die Frau:

“Sieh hübsch aus, halt die Klappe
Lächle für mich, aber nicht zu viel”

How to Be a Woman „ist ein starker Pop Song der in London lebenden Waliserin Greta Isaac, mit einer deutlichen Aussage garniert mit einigen Kraftausdrücken, FUCK! Die gestellten Erwartungen  will Greta Isaac partout  nicht erfüllen  und sie analysiert:

“Ich bin schlimmer als meine Mutter
Und sie ist perfekt, aber sie glaubt es nicht, 
weil wir in einer Gesellschaft leben, die unsere tiefsten Unsicherheiten ausnutzt, 
um das ewige Wirtschaftswachstum voranzutreiben”

Der Song komplettiert die EP “Pessimist” von Greta Isaac, die heute rausgekommen ist. Darin geht es um Themen wie Frau sein, unbedingt gemocht werden wollen, in toxischen Beziehungen feststecken, sich selbst mit den eigenen negativen Gedanken auf den Sack gehen. Die Musik is aber alles andere als depressiv. Vielmehr nimmt Greta ihren ganzen Ärger und schreibt riesige Refrains.

Gaspard Augé -Hey!

Gaspard Augé, am besten bekannt als eine Hälfte von Justice ( zusammen mit Xavier de Rosnay) , dem Duo, das Mitte der 2000er Jahre Rock und Rave vereinte, hat sein bevorstehendes Solo-Debütalbum „Escapades“ für den 25. Juni angekündigt. Mit der Veröffentlichung seiner neuen Single „Hey!” erscheint heute ein weiterer Vorgeschmack darauf. Augé und de Rosnay gelten als Meister der elektronischen Musik. Beim Solo von Augé gibt einige Elemente, die mit Justice übereinstimmen – das Knirschen und Surren der Synthesizer, das Cineastische des Ganzen. Escapades soll wie ein barockes Meisterwerk klingen, das die europäische klassische Musik für das 21. Jahrhundert neu interpretiert. Die neue Single „Hey!“ ist wiederum mit einem in der Türkei gefilmten Video unter der Regie von Filip Nilsson versehen, das den atemberaubenden Stunt einer Person zeigt, die den Geigenpart des Songs spielt, während sie in voller Montur auf einem Pferd durch die Steppe prescht. „Das ist das erste, was mir beim Aufnehmen des Tracks in den Sinn kam“, sagt Augé, „ein mongolischer Reiter, der in der Steppe Geige spielt, ein epischer Ritt mit Fernost-Feeling. Filip Nilsson und der fantastische Reiter Metin Yılmaz haben diesen Traum wahr werden lassen.“ So Gaspard über den Song und das Video. (Foto oben: Jasper J. Spanning)

Sleater-Kinney -Worry With You

Sleater-Kinney haben ein neues Album angekündigt, mit dem Titel „Path of Wellness„. Das Follow-up zu „The Center Won’t Hold“ aus dem Jahr 2019 ist für den 11. Juni angekndigt. Es ist das erste Album, das ohne Janet Weiss aufgenommen wurde. Die Schlagzeugerin war 1996 der Gruppe beigetreten. Um das neue Album abzurunden, luden Corin Tucker und Carrie Brownstein lokale Musiker aus Portland ins Studio ein. „Path of Wellness“ ist die erste LP, die von dem Duo Tucker/Brownstein selbst produziert wurde.. Die erste Single aus dem neuen Album heißt „Worry With You“ (Quelle: Pichfork/ Sleater-Kinney’s Corin Tucker und Carrie Brownstein, Foto von Karen Murphy)

Magic Island – So Wrong

Neues aus Neukölln

Aus Berlin kommt das spannende  Label Mansions and Millions,  das seit  2015 sein Hauptaugenmerk auf Künstler*innen aus Berlin-Neukölln mit den Schwerpunkten Indie, Indiepop, Indierock und  Dreampop legt. Es ist schier beeindruckend , welch kreatives Potential in den Stadtteil, der regelmäßig eher mit sozialen Problem Schlagzeilen macht, vorhanden ist.

Die Kanadierin Emma Czerny, besser bekannt als Magic Island, ist eine dieser Künstler*innen aus dem Popunderground Neuköllns. Ihre neue Single  “So Wrong”, gleichzeitig Titelstück ihres kommenden Albums, zelebriert den  R’n’B der Neunziger. Czernys Stimme hallt durch einen vernebelten Raum, Sehnsucht, Verzweiflung und Lethargie treffen unwiderstehlich zusammen zu einem “classic love song”, wie Magic Island selbst sagt, über die Unmöglichkeiten einen geliebten Menschen gehen zu lassen: “This is about loss and the darkness that follows, no way of seeing the light.”

Einzigartige Album-Exhibition in Neukölln zum Release am 14.05.

Am 14. Mai wird Magic Island eine einzigartige „Album-Exhibition“ veranstalten, die zum ersten Mal in dem Kiez stattfindet, der das Album inspiriert hat – Neukölln. 16 Künstler aus allen Disziplinen haben jeden Track des Albums auf ihre Weise neu interpretiert, wobei die Stücke nur an den Straßenecken, die sie inspiriert haben, über ortsspezifische QR-Codes zugänglich sind. Nach 72 Stunden wird die Ausstellung auch online für Nicht-Ortsansässige virtuell erlebbar sein. Mehr Infos hier.

Das Video zu “So Wrong” setzt passend die Hook des Tracks um: „So good, so right, I’d rather be alone tonight / So good, so right, I prefer the darkness to the light“. Entstanden unter der Regie von Gone But Not Gone Films, einem neuen Regie-Duo bestehend aus den Berlinern Patrick Burghenn und Alisa Mandrovska.

Sphärischer Indie-Rock: Linn Koch-Emmerys Debüt „Being The Girl“:

Alben der Woche (Teil 2)

Spätestens seit ihrer 2018 erschienenen Debüt-EP „Waves“ gilt Linn Koch-Emmery als eines der spannendsten Talente des modernen Indie-Rock. Die Schwedin  mit deutsch-englischen Wurzeln wird in einem Atemzug mit Kolleginnen wie Wolf Alice, Dream Wife, Alvvays, Phoebe Bridgers, Warpaint, Snail Mail und  Sharon Van Etten genannt. Ihr Debütalbum nennt sie selbstbewusst  “Being the Girl”, weil es im Rockgeschäft das Alleinstellungsmerkmal ist, das Mädchen in der Band zu sein. (Fotos: Linn Koch-Emmery)

“Being the Girl” besteht aus  neun knackig kurzen Tracks von um die 3 Minuten-Länge, ein kurzes Intro und ein ebenso kurzes Interlude. Zu Gehör gebracht werden euphorischen Gitarren, vereint mit glänzenden Synthesizern und treibenden Beats, mit denen Linn Koch-Emmery ihre leicht träumerische Stimme umrahmt. “Hologram Love” markiert den Auftakt. Der Refrain ist wahnsinnig eingängig. Einmal gehört, summt man ihn den ganzen Tag. Von ähnlicher Qualität, was die Eingängigkeit angeht,  sind die Stücke “Dirty Words”, „Blow My Mind“ und “Hard to Love”. Das wunderbare, selbstironisch “LInn RIP” begeistert mit einem schimmernden, verträumten Indie-Pop-Sound. Eine Spur härter und schneller wird es bei “No Place for You”.

Sanfter und ruhiger geht es bei “Wake Up”zu. Das schönste Stück auf der Platte ist  für mich das nahezu psychedelische “Paralyzed”, welches unter die Haut geht. Rundherum liefert Linn Koch-Emmery ein abwechslungsreiches makellos produziertes Album ab, dass sich gut durchhören lässt. Man bedauert, dass nach 26 Minuten schon Schluss ist. Glücklicherweise nimmt der letzte Song ”Lasershot” zum Schluss die Akkorde des Intros des Albums wieder auf, sodass man nahtlos in Dauerschleife hören kann.

Mit dem wunderschönen Pop- Album „New Woman“ vertreibt Lùisa den Corona-Frust (VÖ 07.05.2021)

Alben der Woche (Teil 1)

Lùisa schöpft ihre  Kreativität aus ihrer Lebenserfahrung, die sie schon in jungen Jahren gesammelt hat. Fern der Heimat in einem Mädcheninternat leben zu müssen ist sicher nicht leicht, besonders wenn es am anderen Ende der Welt in Australien liegt. Weiter weg geht es nun nicht. Die Uniformierung ( im wahrsten Sinne) in einer solchen Einrichtung  und die Entfremdung schärften den Kampf um Selbstbestimmung.  Bei Lùisa reichte es, um zurück in Deutschland mit nur 17 Jahren von zuhause auszuziehen und zwei Jahre später in Hamburg als Songschreiberin ihren Weg zu gehen. Sie gibt Konzerte in Kneipen, aber auch auf großen Festivals und geht im Vorprogramm der australischen Band The Paper Kites auf Europatour. (Foto oben: Nikolai Dobreff)

Ich schreibe sehr persönlich und autobiografisch, hoffe aber, das auf eine allgemeingültige Ebene transferieren zu können”, sagt Lùisa. “Songs sollten letztlich immer auch von den Erfahrungen des Autors losgelöst funktionieren.” Und so vesinkt  ihre Musik auf “New Woman” nicht in der Depression, auch wenn es um Erfahrunge von um Verlust und Trauer geht ( bei “Late Summer Day” und bei  “To Let You Go”)  Bei Lùisa geht es nicht um die Krise selbst, sondern um den Weg aus ihr hinaus. Durch Lùisas Gefühl für Pop klingen ihre Songs, trotz gehaltvoller Thematiken, leicht und elegant. Mit einem  klar definierten Groove-Gerüsts aus Bass und Schlagzeug baut Lùisa mit Eighties-Synths und perlenden Gitarren eine warme Soundarchitektur. Man hört Einflüsse von Michael Jackson, Sade, Kate Bush und Talk Talk gehört, aber auch Gegenwartsmusik wie The War On Drugs, Christine & The Queens oder Haim. 

Der in meinen Ohren stärkste Track, was sich nach weiterem Durchhören des Albums aber noch ändern kann, ist der Titelsong “New Woman” . In der Empowerment-Hymne, singt Lùisa: “Change, breaking my cage, making mistakes, taking my stage/Feel like an new Woman today.”-und erzählt dabei von ihrer Rolle als Frau in der immer noch deutlich männlich dominierten Musikindustrie, in der Frauen auf sexistische Klischees wie “Mädchen mit der Gitarre”, “ liebliche Stimme«, “Muse”oder “zarte Fee” reduziert werden.

Die feministischen Bewegungen der letzten Jahre habe sie total bestärkt, über diese Dinge zu sprechen, sagt Lùisa. Es gehe z.B. um den Tontechniker, der sich nicht vorstellen könne, dass sie ihre Loops selbst programmiere.  Solchen Vorurteilen begegnet sie , weil sie eine Frau ist. Dabei  nahm sie ihr erstes Album: »One Youth Ago« 2012 komplett auf eigene Faust auf. Alle elf Songs von  “New Woman” stammen aus ihrer Feder. DIY-geschult führte sie Arrangements und Sounds, Grooves und Beats mittels der Software Ableton zusammen. Erst mit den weitgehend ausformulierten Demos zu »New Woman« ging sie zu Tobias Siebert (Klez.e, Kettcar, Enno Bunger u.a.) nach Berlin. Der Produzent verstand intuitiv ihren Ansatz , eine gewisse Eighties-Ästhetik mit ihren Singer- Songwriter-Roots und dem aktuellen Indie-Zeitgeist zu kombinieren., wie etwa in dem ansteckend schönen „Come Around“ zu hören ist.

Wer sich zwischen Homeoffice und Homeschooling oder anderen widrigen Umständen zerrieben und ausgebrannt fühlt, kann sich mit dem Song „Burn Out“ trösten. Da erinnert Lùisas im schönsten Eighties-Soundgewand mit ihrer dunklen, lebensgeschulten Stimme an die Wahrheit , dass man auch die schlimmen Dinge nur dann fühlen kann , wenn das Herz nicht eiskalt ist:

„You can only burn out when your heart is in flames“

Album der Woche

Danger Dan „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Mit der  Single „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ hat Danger Dan zuletzt für einige Furore gesorgt.  Natürlich kennen wir Danger Dan vor allem als Mitglied der Antilopen Gang. Auf seinem Soloalbum schwingt er  sich Danger Dan des Rap auf, obwohl es gar kein Rap-Album ist. Tatsächlich bringt er elf ergreifende, ironische, zynische und auf den Punkt treffende  Klavierballaden zu Gehör, die Comedian Harmonists-Chöre mit Hannes Wader, Antifaschismus mit Liebesliedern und kluge Zeitgeist-Diagnostik mit schwebenden Streichern vereinen. Erwähnenswert sind die Musikerinnen, deren Hilfe sich Danger Dan versicherte. Die Aufnahme fanden im Studio der befreundeten Musikerin Charlotte Brandi statt. Brandi ergänze einige Spuren auf dem Akkordeon, die Songschreiberin und Sängerin Mine komponierte und arrangierte die kitschfreien Streicher. 

Oehl – Arbeit

Das isländisch-österreichische Duo Oehl (Ariel Oehl/ Hjörtur Hjörleifsson) setzt sich im neuen Song Arbeit mit der Gefühlskälte auseinander, die in der modernen Arbeitswelt häufig bestimmend ist. Wir alle  müssen durch Arbeit Geld verdienen und wollen am liebsten möglichst viel. Wenn freudlose  Arbeit zu viel wird , sind Stress, Vereinsamung und Burn-Out die Folge. (Foto oben: Tim Cavadini)

Zum Song gibt es ein gut gemachtes Video, das uns auf emotionaler Ebene abholt.

Die Single ist ein Vorbote des kommenden Mini-Konzeptalbums „100% Hoffnung“, mit dem Oehl zu unverblümter Kapitalismuskritik ansetzen wollen. Ariel Oehl kündigt an: „Wenn man sich mal mit der globalen Finanzwirtschaft und der Arbeitswelt auseinandersetzt, muss man eigentlich zum Marxisten werden.“ Kritik am Neoliberalismus verpackt in verträumten poetischen Pop, man darf gespannt sein, was da kommt.