Interview mit der britischen Indie-Rockband “Everything Everything” anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung ihres neuen Albums “Re-Animator” (VÖ 11.09.)

„Re-Animator“ ist das fünfte Album von Jonathan „Jon“ Higgs (Gesang, Gitarre), Jeremy Pritchard (Bass), Alex Robertshaw (Gitarre, Keyboard) und Michael Spearman (Schlagzeug). Die vier Briten, ehemalige Studenten der Musikwissenschaft, formierten ihre Band Everything Everything im Jahr 2007.  Die ersten beiden Wörtern des Radiohead-Songs “Everything In Its Right Place” ergaben den Bandnamen. Mit ihrer wunderschönen, provozierenden, ja gebildeten Musik waren Everything Everything immer Lieblinge der Medien und kamen bei ihren Konzerten gut an. Ihr Debutalbum “Man Alive” wurde für den Mercury Prize 2011(Auszeichnung für die besten Alben der Jahres in UK) in die engere Wahl gezogen.

Erfolgsgeschichte

Einen Großteil der Jahre 2017 und 2018 verbrachten Everything Everything auf Tournee, darunter ihre bisher umfangreichste Amerika-Konzertreise und ihre größten Shows in Großbritannien – inklusive einer epischen Nacht im 10.000 Zuschauer fassenden Londoner Alexandra Palace. Das letzte  Album „A Fever Dream” brachte ihnen 2018 die zweite Nominierung für den Mercury Prize ein. „A Fever Dream“ zeichnet sich durch seine gesellschaftskritische Haltung aus, insbesondere in der Auseinandersetzung mit den Folgen der Digitalisierung.

Brand im Bandquartier

Auch Everything Everything haben mit dem  Corona-bedingten Lockdown zu kämpfen, wobei zusätzlich an dem Tag, als die Sperrung angekündigt wurde, ihr Bandquartier durch ein Feuer zerstört wurde. Die Band berichtete, das neben technischen Equipment mehrere  Gitarren zerstört wurden, die wegen der verbundenen Erinnerungen auch ideelle Werte darstellten. Wegen Corona und den damit verbundenen Auftrittsverboten verschoben Everything Everything die eigentlich für August geplante Veröffentlichung des Albums. Aber nun wird “Re-Animator” am 11. September und ich freue mich, dass mir Jon Higgs, der Kopf der Band, aus diesem Anlass ein Interview gegeben hat.

Interview mit Jon Higgs

Adohr: Everything Everything hat sich nie gescheut gesellschaftlich relevante Themen, wie z.B. die dunklen Seiten der Digitalisierung aufzugreifen. Der Titel eures neuen Albums Re-Animator eröffnet viele Assoziationen. Auch wenn das Album vor dem Lockdown entstanden ist, denkt man jetzt daran, dass die Welt nach dem Lockdown reanimiert werden muss. Viele verknüpfen damit die Hoffnung, dass bei der Re-Animation der Gesellschaften stärker auf den Schutz der Natur und des Klimas geachtet wird, Was ist eure Meinung dazu und welchen Einfluss hatte die Themen Schutz der Umwelt und Klimakatastrophe auf euer neues Album.

Jon Higgs: Ja, das ist eine Lesart von Re-Animator, da sich der Titel auf etwas bezieht, das dich wieder zum Leben erweckt, etwas, das dich wieder lebendig fühlen lässt. Ich denke, viele Menschen gehen durch das Leben, als würden sie in einer Endlosschleife feststecken, denken nicht wirklich, fühlen sich nicht wirklich mit irgendetwas verbunden, existieren nur. Ein Re-Animator ist etwas, das dich aus diesem Zustand herausholt – vielleicht die Geburt deines Kindes oder das Verlieben oder eine Nahtoderfahrung oder den Verlust eines Elternteils – große Lebensereignisse, durch die du plötzlich fühlst, dass du lebst, eher ein lebendes, atmendes Tier, als ein Zombie. Ich denke, man könnte sagen, dass die Pandemie für viele Menschen ein groß angelegter Re-Animator ist. Es gab viel Selbstreflexion und Überdenken, wie die Dinge sind und wie wir leben. Der Klimawandel steht immer im Hintergrund unserer Alben, und ich erwähne ihn normalerweise jedes Mal bei mindestens einem Song. Es ist nur eine von vielen Ängsten bei Re-Animator und eine, die ich aus der Sicht eines Teenagers gewählt habe, der nicht wirklich die Verantwortung für die Reparatur der Welt haben will und die Generationen hasst, die ihn dazu zwingt.


Adohr: Wenn ein Mensch reanimiert wird, wird er vom er vom Tod ins Leben zurückgeholt. Ihr steht in der Mitte eures Lebens und seid als Band sehr erfolgreich, seid bereits zweimal für den Mercury Prize nominiert worden, habt große Tourneen und riesige Konzerthallen bespielt. Wie geht ihr mit der Gewissheit um , dass das alles mal enden wird? Ein Song auf Re-Animator befasst sich mit dem Tod. In diesem Zusammenhang, welche Bedeutung haben für euch zum eine Erinnerungen die bei einer Re-Animation oft verloren gehen, aber auch materielle Werte? (Ihr habt von der Presse von einem Feuer in eurem Studio berichtet)

Jon Higgs: Ich finde es cool, wenn alles eines Tages endet und wenn wir etwas unnatürlich verlängern, ist es normalerweise für niemanden gut. Ich bin ziemlich schlecht in Erinnerungen – mein Gedächtnis ist in Ordnung, aber ich kann schlecht zurückblicken – ich mag keine Nostalgie. Es gibt einen Song auf dem Album, in dem ich singe: „Ich schaue nicht zurück und ich freue mich nicht, weil ich das Gefühl nicht mag.“ Ich spreche über genau diese Sache, es macht mir Angst, Schudgefühle zu haben oder  das Leben geht vorbei ohne Glück  in der Vergangenheit oder Gegenwart. 

Ich mag einige materielle Dinge, aber nur, wenn sie mit sentimentalen Gefühlen verbunden sind, sonst ist es mir egal – ich bin keiner für ausgefallene Gitarren oder ähnliches. Ich mag Technologie, die ich verwenden kann, Laptops oder solche Sachen, und ich mag Software! Gott, das ist lahm, aber es ist wahr, einige Software-Teile haben mir mehr Freude bereitet als jede andere materielle Sache, die mir einfällt. Wenn sie überhaupt materiell sind …


Adohr: Vor oder während der Aufnahmen von Re-Animator hast du dich mit Julian Jaynes und seinem Werk über den Bicameral Mind beschäftigt. Dies führt zu meiner letzten und vielleicht schwierigsten Frage. Wie ist dein Verhältnis zur Religion? Wenn man den Gedanken des Bicameral Mind konsequent zu Ende denkt, dann hat nicht Gott den Menschen erschaffen, sondern Gott war ein Gedanke in einer Gehirnhälfte, der von der andren als göttlich wahrgenommen wurde. Also erschuf der Mensch Gott.

Jon Higgs: Ja, ich bin fasziniert von den philosophischen Fragen, die in der Theorie enthalten sind, dass die „Stimme Gottes“die ganze Zeit  ich  selbst war, ich bin mein eigener Gott. Sehr interessant zu denken. Die Idee von vielen verschiedenen Göttern mag ich auch, Götter mit Fehlern und Persönlichkeiten, anstatt eines Mega-Gottes, der perfekt ist und all diese seltsamen Widersprüche und Paradoxien hat. Im Allgemeinen mag ich organisierte Religion nicht, aber ich mag auch die meisten organisierten Gruppen von Menschen nicht wirklich – wir neigen dazu, schreckliche Dinge zu tun, wenn genug von uns zusammenkommen. Mein Gott ist die Natur und das Universum, ob das nun ein spiritueller „Glaube“ ist, den ich nicht kenne, es schien mir immer, dass die Sonne das einzige ist, was es Sinn macht, anzubeten, und das war das erste, was alle Kulturen taten.

„Re-Animator“- Musik und Philosophie

Zum Schreiben der 11 Songs, die auf “Re-Animator” vereint sind, haben sich Everything Everything über ein Jahr Zeit genommen, Ideen zu sammeln, Songs zu schreiben und Demos zu erstellen. Der belesene und vielseitig an ernsten Themen Interessierte Haupttexter Jon Higgs fand eine Inspirationsquelle, als er über die Theorie der bikameralen Psyche stolperte, die 1976 von dem Psychologen Julian Jaynes aufgestellt wurde.

Nach dieser Theorie waren in der Frühphase der menschlichen Evolution die beiden Seiten des Gehirns getrennt, was zu einem gespaltenen Bewusstsein geführt hat, etwa so wie heute in der Psychiatrie die Schizophrenie erklärt wird. Eine Gehirnhälfte nahm die andere als Stimme wahr, die zu ihr wie Gott oder ein verstorbener Vorfahre gesprochen hat. So erklärte Jaynes die Entstehung von Religionen.

Die Faszination der Idee, von Gott in einem selbst, schlug sich unmittelbar in den Songs ‟In Birdsong” und „Planets“ nieder, die das Staunen über die Wunder der Natur thematisieren, und ‟Arch Enemy”, der mit einem elegant gewundenen Art-Funk-Rhythmus die Anbetung der falschen Götter Gier und Verschwendungssucht geißelt, die letztlich für der Klimawandel verantwortlich ist. Das Thema Doppelebene spiegelt sich auch im Song ‟Big Climb” wieder. Während der dunkle Text zum Innehalten zwingt, stürmt die Musik geradewegs auf die Tanzfläche. Die einfassende Klammer wird durch den Opener ‟Lost Powers” und das sich steigernde Finale ‟Violent Sun” gebildet. ‟Lost Powers” ist ein prächtiger Pop-Moment, in dem Higgs seinen Falsettgesang so wohlklingend wie nie zuvor zum Einsatz bringt. Das euphorische und laute “ Violent Sun”, das bestimmt live hervorragend funktioniert, setzt den grandiosen Schlusspunkt des Albums, das unter der Leitung des für seine früheren Arbeiten mit Künstlern wie St. Vincent, Sharon Van Etten, Angel Olsen und Future Islands bekannten Produzenten John Cogleton aufgenommen wurde.

Heute veröffentlicht die norwegische Band Vonheim ihr zweites Album „In The Deep“- Interview zum Release

Cover: Vonheim -In The Deep- Snowhite/Roughtrade

Vonheims zweites Album  verharrt nicht im Stadionrock des Erstwerks. Vielmehr wird der Alternative Rock durch subtile Indie-Rock-Elemente gebrochen. Streicherarrangements und experimentelle Synthesizerklänge machen «InThe Deep» zu einem Meilenstein in Vonheims musikalischer Reise. Zum Release von „In The Deep“ äußert sich Frontmann Erlend Vesteraas gegenüber „Auf die Ohren“ dazu, was Heimat für die Band bedeutet, wie Veränderungen sich auf ihre Musik auswirken, über die Zusammenarbeit untereinander und mit anderen Bands und über Zukunftspläne. In Zeiten leider geschlossener Grenzen und des Kontaktverbots wurde das Interview per E-Mail geführt.

Vonheims Frontmann Erlend Vesteraas im Inteview

Auf die Ohren: Hallo, ich heiße Thomas. Ich schreibe einen Blog über populäre Musik. Ein Schwerpunkt ist Musik aus Skandinavien. Ich freue mich sehr, Dir ein paar Fragen stellen zu dürfen. Vor drei Jahren war ich mit ein paar Freunden in Oslo, um den Marathon zu laufen. Wir waren von den freundlichen Menschen dort, dem Fjord und der Stadt begeistert (nur die Marathonstrecke war nicht sehr flach). 

Erlend: Zunächst einmal – danke, dass Du Dich an uns gewandt hast. Ich bin auch froh zu hören, dass Du Oslo genossen hast. Ich habe den Oslo-Marathon selbst ein bisschen ausprobiert und weiß, dass die Strecke nicht flach ist.

Auf die Ohren: Für die Aufnahme Eures ersten Albums hat es Euch in die kleine Stadt Flø  in der Natur der norwegischen Westküste gezogen. Euren Bandnamen  habt ihr von dem Versammlungshaus in Flø genommen, wenn es stimmt, was ich gelesen habe. Der Song “Westcoast„auf Ihrem neuen Album wirft einen Blick auf das Leben an der Westküste Norwegens. Was bedeutet Heimat für euch, auch mit Blick darauf, dass Konflikte,  Krisen, Katastrophen (wie z.B die Klimakrise) global entstehen und gelöst werden müssen?

Erlend: Richtig. Der erste Beginn von Vonheim war in Flø an der Westküste Norwegens. Wir packten unsere Autos voll mit Aufnahmegeräten, Instrumenten und Essen und blieben ungefähr eine Woche dort. Dieser schöne kleine Ort am Meer zeigt uns die Vielseitigkeit des norwegischen Wetters – es kann rau und hart sein, aber gleichzeitig schön und atemberaubend. Dunkle und schwere Wolken sind ein häufiger Anblick, aber oft sieht man auch einen Lichtstrahl durch die Bewölkung. Zuhause. Zuhause kann viel bedeuten. Zuhause ist in meiner Wohnung in Oslo mit meiner Frau und meiner Tochter. Der sicherste Ort, an dem ich sein kann. Ich fühle mich in Norwegen zu Hause. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen und alles hier ist etwas, mit dem ich vertraut bin. Ich fühle mich auch an Orten zu Hause, die zu mir sprechen, und mit Menschen, mit denen ich Interessen und Werte teile. Wenn Du es in einem größeren Bild betrachtest, ist Mutter Erde unser Zuhause. Während der Zeit, in der wir uns in der Corona Krise befinden, haben wir definitiv das Gefühl, dass wir zusammen sind und dass jeder Mensch auf dem Planeten den gleichen Kampf führt. Auch wenn wir die Corona Situation gerne überspringen würden, ist es in gewisser Weise auch schön zu sehen, dass einmal in jedem Land jeder Mensch für etwas zusammenarbeitet. Ich denke und hoffe, dass diese Katastrophe uns näher zusammenbringt. Wir sind jetzt gezwungen, gemeinsam einen Weg zu finden, um die Dinge zu klären. Diese Krise ähnelt in meinen Augen dem Wetter in Flø: Sie ist rau, dunkel und schwer, aber es gibt oft ein Licht – einen kleinen Hoffnungsschimmer, an dem man sich festhalten kann.

Auf die Ohren: Euer Song „Moving On“ handelt davon, dass es an jedem Ende einen neuen Anfang gibt. Mehrere Songs auf dem Album (In the deep, The dark night of the soul, This is it, My darkest side) beschäftigen sich mit Lebenskrisen, in die sich jeder hineinversetzen kann. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, um dies zu ändern. Wie wirken sich solche Veränderungen in Lebenssituationen auf Eure Musik aus? Eure Musik hat sich auch verändert, wenn man  Eure beiden Alben miteinander vergleicht.

Erlend: Ich denke, wir ändern uns  ständig. Die Dinge um uns herum ändern sich und wir auch. Das Leben ist voller Höhen und Tiefen und das Leben selbst kann hart genug sein. Keiner von uns hat eine dunkle Geschichte mit Drogenmissbrauch, gewalttätiger Vergangenheit oder öffentlichen Skandalen, aber die „täglichen“ Kämpfe können auch hart sein. Krankheit, Kindererziehung, Verlust unseres Jobs, Verlust unserer Freundin, Freunde, die weggegangen sind, Menschen, die sterben, Träume, die nie durchgekommen sind, Ehen, die zusammenbrechen – all dies ist ein Teil dessen, womit die Menschen jeden Tag zu tun haben. Wir schreiben über ein normales Leben, in dem es Chaos und Dunkelheit gibt. Und wir versuchen zu beschreiben, wie oft wir versagen. In unseren Texten steckt aber auch ein Hauch von Hoffnung. Etwas, an dem man sich festhalten kann und das die dunkelsten Tage erhellen kann – eine Freundin, unsere Kinder, ein Lächeln von jemandem, den man nicht kennt, ein Blick auf Gott oder eine Hoffnung in irgendeiner Weise. Das macht unser Leben reich und das wollen wir ausdrücken. Im Vergleich zu unserem ersten Album hat dieses Album eine neue musikalische Verpackung. Wir haben zwei unserer Bandmitglieder gewechselt und sie haben ihre Musikalität in die Band eingebracht. Als sie herein kamen, gaben sie uns einen neuen Ansatz beim Erstellen und Arrangieren unserer Songs. Wir wollten auch mit anderen Instrumenten experimentieren: mehr Synthesizer, Blasinstrumente und Streicher. Wir wollten auch eine Aufnahme mit dynamischeren Variationen machen. Ich denke, obwohl wir einige Schritte in eine andere musikalische Richtung unternommen haben, haben wir dennoch irgendwie unseren „Sound“.

Foto: Sara Angelica Spilling

Auf die Ohren: Wie entstehen eure Songs? Gibt es einen Songwriter oder arbeitest Ihr in einem Team? Zwischen „Lift Your Head“ und jetzt „In The Deep“ lagen 5 Jahre. Wie hält man als Band über einen so langen Zeitraum zusammen? Gibt es dazwischen noch andere Jobs? Ich habe kürzlich ein wunderschönes Lied von Konradsen (“Give It Back To The Feelings”) gehört, bei dem Du mitgesungen hast.

Erlend: Der Songwriting-Prozess beginnt normalerweise mit einer Song-Skizze, normalerweise von mir. Dies sind oft nur Stücke eines Liedes; eine einfache Melodie, ein Refrain oder ein Vers. Dann beginnt die Teamarbeit. Es ist sehr oft eine Menge Arbeit, ein Lied zu einem Vonheim-Lied zu machen. Wir lassen keine Ideen zurück und kriegen uns oft in die Haare (diejenigen, die Haare haben). Keiner von uns hat eine klare Bandleader-Rolle und kann sich entscheiden, aber obwohl der Prozess lang ist, erhalten wir normalerweise ein Produkt, an dem jeder teilgenommen hat. Vonheim ist im Grunde eine Gruppe von Freunden. Wir mögen es zusammen rumzuhängen und respektieren die Ungleichheiten der anderen, nicht nur in der Musik. Deshalb denke ich, dass wir immer noch zusammenhalten. Wie bereits erwähnt, haben einige Bandmitglieder gekündigt, aber das liegt daran, dass sie weggezogen sind. Einige von uns spielen auch mit anderen Bands. Wie Du bereits erwähnt haben, spiele ich Bass mit der Band Konradsen. Diesen Winter sind sie durch Europa gereist und haben für ihr Debütalbum auch einen norwegischen Grammy gewonnen. Das ist nur ein Beispiel. Es gibt auch andere Bands, mit denen wir von Zeit zu Zeit spielen.

Auf die Ohren: Wo wird Vonheim in weiteren fünf Jahren sein? Gibt es 3 Alben von Vonheim oder viele mehr? Wird Vonheim noch eine Gitarren- oder Synth-Rockband sein?

Erlend: Wir haben bereits begonnen, an einigen neuen Songs und Materialien zu arbeiten, also wird es hoffentlich in naher Zukunft weitere Veröffentlichungen geben. Aber wir wissen nicht wann oder in welchem Format – vielleicht zuerst eine EP, danach ein neues Album. Abgesehen davon, wollen wir jetzt auch wirklich raus, von Stadt zu Stadt reisen und vor Leuten spielen. Hoffentlich können wir auch sehr bald nach Deutschland kommen, wenn sich die Corona Situation bald bessert. Ich denke,  so wie Vonheim heute ist, wirst Du die Band auch bei unseren zukünftigen Veröffentlichungen hören. Aber wir wollen immer wieder neue Dinge ausprobieren und experimentieren. Ich habe es wirklich genossen, Streicher und Holzbläser zu verwenden, also vielleicht mehr davon? Wer weiß ?

Mehr Infos zum neuen Vonheim Album „In The Deep“ gibt es hier.

Miss Pirate – Rain

„Auf die Ohren“ stellt die vielversprechende Bedroom-Pop Newcomerin Miss Pirate vor

MISS PIRATE startet heute mit ihrer ersten offiziellen Single „Rain“ durch. Aufgenommen im Homerecording-Studio zeigt die talentierte Multiinstrumentalistin aus dem beschaulichen Karlsruhe mit ihren intimen Kompositionen und Texten über psychische Probleme, Depressionen und Ängste, dass sie keine weitere 08/15 Singer- Songwriterin ist. „Rain“ klingt traumtänzerisch und verspielt, wabert zwischen Indie und Pop und klingt aufgrund seiner Reduziertheit gnadenlos ehrlich. MISS PIRATE spielt mit Gitarrenklängen, experimentiert mit Vintage Klavieren und elektronischen Beats. Der harmonische Chorgesang, den sie selbst mehrstimmig einsingt, ist ihr Markenzeichen.

Im Stil von Bedroom Pop Künstlerinnen wie Billie Eilish, Clairo oder Girl In Red produziert und vermarktet ihre Musik komplett selbst. DIY sei ihr wichtig, sagt MISS PIRATE, weil es ihr Unabhängigkeit und Freiheit garantiere.

Homerecording und Mental Health – Miss Pirate im Interview

Hallo Miss Pirate, möchtest du lieber mit deinem Künstlernamen oder mit deinem bürgerlichen Namen angesprochen werden?

Hallo Thomas, du kannst Miss Pirate sagen, hier geht es ja um mich als Musikerin. 

Du erscheinst sehr jung, deshalb ist die Frage erlaubt, wie alt du bist und seit wann du Musik machst. Was hat dich dazu inspiriert und ermutigt, deine Musik einem Publikum vorzustellen. z.B. auf deinem YouTube-Kanal?

Tatsächlich bin ich gar nicht so jung, wie ich aussehe. Ich werde dieses Jahr schon 30. Aber mittlerweile sehe ich es als Vorteil, dass ich jünger wirke. Ich habe mich schon immer mit Musik beschäftigt, schon als kleines Kind auf den Instrumenten meiner Eltern mehr schlecht als recht herumgespielt.

Mit 6 Jahren habe ich angefangen, Geige zu spielen, dies leider mit 16 aufgegeben, was ich mittlerweile etwas bereue.  Mit 16 habe ich dann aber angefangen, E-Gitarre zu spielen und Songs zu schreiben, mit ungefähr 20 bin ich zur Akustik Gitarre gekommen und die ist momentan mein Haupt Instrument.
Also habe ich eigentlich mein ganzes Leben schon Musik gemacht.
Musik nach außen zu zeigen war noch einmal ein riesiger Schritt, besonders, weil meine Songs und Texte sehr persönlich sind. Sich so verletzlich zu zeigen erfordert Mut, aber ich bin unheimlich glücklich, dass ich diesen aufbringen konnte.
Letztendlich hat mich am meisten ermutigt, dass einige Menschen gesagt haben, meine Musik berührt sie sehr und ich gemerkt habe, dass ich den Menschen dadurch etwas schenken kann. Außerdem ist Musik auch Selbsttherapie für mich.

Man spricht von Bedroom-Musik, wenn die Musik nicht im Studio mit professioneller Hilfe produziert, sondern in den eigenen Vierwänden aufgenommen wird. Wie kann man sich das bei dir konkret vorstellen? Hast du die Mikrofone tatsächlich bei dir im Schlafzimmer aufgebaut? Welches Equipment brauchst du für deine Aufnahmen?

Ich besitze tatsächlich kein besonders gutes Mikrofon, momentan nehme ich alles über ein kleines Samsung USB Mikro auf, dass ich vor einigen Jahren mal gekauft habe. Das stelle ich auf meinen Schreibtisch im Schlafzimmer und setze mich dann davor. Der Gesang und die Gitarre werden also darüber aufgenommen, die anderen Sounds, Piano, Synthesizer, Bass etc. spiele ich über ein MIDI Keyboard ein. Meine Beats habe ich von SPLICE, eine Website, wo man für einen monatlichen Beitrag enorm gute Sounds herunterladen und für seine Songs benutzen kann. Alle Songs entstehen momentan im Apple Programm Garage Band, ein ziemlich einfaches Programm im Vergleich zu anderen. Aber das ist gut, weil ich kein Technikmensch bin (lacht).

Kreativität und technisches Verständnis können,  müssen aber nicht immer zusammen gehen. Hast du für deine Musik- und Videoaufnahmen Hilfe (wie etwa Billie Eilish von ihrem Bruder)?

Da hast du recht, das ist bei mir vermutlich der Fall. Ich bin viel zu ungeduldig um mich mit komplizierten Programmen und solchen technischen Dingen länger zu beschäftigen, eine Schwäche von mir. Aber wie schon erwähnt, Garage Band ist da die perfekte Lösung, für Leute wie mich. Sehr einfach zu bedienen und hat unglaublich viele Möglichkeiten. Leider bin ich Einzelkind, so einen Bruder wie Billie zu haben wäre traumhaft, die Beziehung und das Teamwork der Beiden ist aber auch einfach etwas ganz Besonderes. Nein, also ich mache alles alleine, aber irgendwie habe ich das auch so über die letzten Jahre gelernt. Ich mag die Unabhängigkeit, die Freiheit, nachts noch spontan an einem Song zu arbeiten und alles selbst zu entscheiden. Allerdings ist das oft auch sehr schwierig und ich schließe nicht aus, dass ich mir für die Bereiche in denen ich nicht so gut bin, Unterstützung holen werde.
Aber momentan bin ich alleine.

In manchen deiner  Videos sieht man dich Gitarre spielen, welche Instrumente beherrscht du noch und welche hast du im Song Rain gespielt?

Gitarre ist mein Haupt Instrument, besonders Akustik Gitarre, da ich diese auch live spiele. Ansonsten spiele ich noch ein bisschen Ukulele und versuche mich immer mal wieder am Klavier, einfach, weil ich dieses Instrument so wunderschön finde. Für Rain habe ich eine Akustik und E-Gitarre eingespielt. Ansonsten über mein MIDI Keyboard diverse Sounds, Klavier, den Bass und Synthesizer. Es macht mir unheimlich viel Spaß, alle möglichen digitalen Instrumente einzubauen und damit zu experimentieren.

Deine Single Rain ist sowohl von der Musik als auch vom Text eher auf der weniger fröhlichen Seite  des Lebens angesiedelt, was bewegt dich dazu, dich mit solchen Themen auseinanderzusetzen?

„Rain“ ist ein Song, der trotz seiner Melancholie auch Hoffnung geben soll, dass es wieder besser wird. Tatsächlich haben meine eigenen Erfahrungen mich dazu gebracht, mich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Seit meinem 16. Lebensjahr hatte ich mit Depressionen und Ängsten zu kämpfen, zeitweise war es so schlimm, dass ich wegen Panik Attacken und Depressionen die Wohnung nicht mehr verlassen konnte und keinen Lebensmut mehr hatte.
Psychische Krankheiten, wie Depressionen, werden besonders in Deutschland immer noch sehr stigmatisiert, sie sind immer noch ein Tabuthema und das Schlimmste, Betroffene schämen sich, darüber zu reden. Dabei ist eine Depression unglaublich gefährlich und es ist so wichtig, sich Hilfe zu holen.
„Rain“ soll Mut machen, Hoffnung geben. Der Song soll sagen „Ich verstehe wie Du Dich fühlst, ich war da auch schon. Ich weiß es sieht gerade alles sehr dunkel und regnerisch aus, aber glaub mir, es wird besser.“ Denn es kann besser werden und das habe ich selbst auch erfahren, dadurch kann ich Betroffenen hoffentlich Mut machen. Aber in einer Depression sieht man alles nur durch eine graue Wolke, die Wahrnehmung ist gestört, das darf man nie vergessen.

Heute geht es mir sehr viel besser, durch Medikamente, Therapie, sehr viel Selbstreflexion und natürlich durch die Musik. Depressionen sind kein Zeichen von persönlichem Versagen oder Schwäche, sondern einfach eine Krankheit, die sich auf das Gehirn auswirkt. Das darf man nie vergessen und deshalb darf man sich auch niemals dafür verurteilen. Ich hoffe, dass ich durch meine persönlichen Erfahrungen, die ich in meiner Musik verarbeite, Menschen Mut machen kann, sich helfen zu lassen.

Vielen Dank für deine ehrlichen Antworten. Ich wünsche Dir viel Erfolg. 

Vielen Dank für deine Zeit, deinen Beitrag und die wunderbaren Fragen, das bedeutet mir sehr viel.

Links:

Spotify: https://sptfy.com/4Qbx
Instagram: https://www.instagram.com/miss.pirate.music/