Julien Baker – Appointments

Dass die Dezember-Playlist so melancholisch ausfällt, liegt nicht nur an der dunklen Jahreszeit, sondern hauptsächlich daran, dass ich mich eingehend mit den Mitgliedern von boygenius  und deren Musik auseinandergesetzt habe. Sie haben nun einmal dunklere Themen zum Gegenstand ihrer musikalischen Auseinandersetzung gemacht. Nach Lucy Dacus und Phoebe Bridgers soll es nun um Julien Baker gehen. Bei Wikipedia steht über die junge Sängerin schlicht, Baker ist lesbisch und Christin. Was das für sie hieß, schilderte sie der Zeitung New Yorker. In  der christlichsten Gegenden   Memphis, Tennessee, wo sie aufwuchs, erlebte sie, wie einige ihrer Freunde entlassen oder aus der Kirchengemeinschaft vertrieben wurden, nachdem sie ihren strengen Normen nicht entsprachen. Ein Freund wurde sogar in ein jetzt aufgelöstes Lager gebracht, das dazu bestimmt war, Homosexuelle durch das Bibelstudium von seiner „Abwegigkeit“ zu reinigen. Dementsprechend groß war ihre Angst als Sie mit 17 ihr Coming Out hatte. Ihre Familie hielt aber zu ihr und kämpfte für ihre Anerkennung in der Gemeinde. Trotz ihrer Erfahrung oder vielleicht gerade wegen dieser trägt sie auf dem Arm ein Tattoo „God exist“. Ein Standpunkt, den sie stimmgewaltig in dem Song „Rejoice“ verkündet. 

Standhaft verlässt sie auch die konservativen Südstaaten nicht. (Zur Erinnerung, Staaten  Texas, Alabama, Wisconsin, West Virginia, Tennessee, Oklahoma, Louisiana, Utah und Georgia wehrten sich per Klage gegen Anordnung von Präsident  Obama, Transsexuellen an allen Schulen die Nutzung von Toiletten zu erlauben, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen)  Bakers Argument, wenn alle gehen, wird sich nichts ändern.

In ihrer Musik lässt die Gitarristin und Singer-Songwriterin hingegen ihre Verletzlichkeit und Verletzungen spüren. Das 2016 Album hieß „Sprained Ankel“ worin es nicht nur um Knöchelverletzungen, sondern um die verletzte Seele(Depression, Drogensucht) ging.

Ich habe hier den Song Appointments aus dem 2017 erschienenen Album „Turn Out The Lights“ ausgesucht.

In dieser Ballade  über eine gescheiterte Beziehung legt Julien Baker ihre  Hoffnungen und Selbstzweifel offen.

Phoebe Bridgers – Funeral

Schwermut und Transparenz: Folksongs gegen die Einsamkeit.

Der Songtext spricht für sich (ich würde ihn so übersetzen)

Ich singe morgen auf der Beerdigung
eines Kindes, ein Jahr älter als ich, und ich habe mit seinem Vater gesprochen. Es macht mich so traurig,
wenn ich zu viel darüber nachdenke, stockt mir der Atem.


Und ich habe diesen Traum, wo ich unter Wasser schreie
Während meine Freunde vom Ufer aus winken
Du brauchst mir nicht zu sagen, was das bedeutet.
Ich habe alle Hoffnung verloren.

(Refrain)

Jesus Christus, ich bin die ganze Zeit so traurig
Und so fühle ich mich  auch jetzt
So war es immer und so wird es immer sein.
So bin ich immer und werde ich immer sein.

Ich habe einen Freund, den ich anrufe,
wenn ich extrem frustriert bin.
Und wir reden uns ein, wir könnten uns einfach umbringen, dann lachen wir bis es vorbei geht.


Und letzte Nacht habe ich in meinem Auto das Bewusstsein verloren
und bin in meinem Kinderbett aufgewacht.
Ich wünschte, ich wäre jemand anderes, ohne Selbstmitleid, 
wenn ich daran denke, dass jemandes Kind tot ist.

Refrain wird wiederholt.

Und es ist wieder 4 Uhr morgens
Und ich mache nichts
Wieder

Der Song stammt aus dem Debütalbum „Stranger In The Alps“ (2017) von Phoebe Bridgers.

Phoebe Bridgers kommt aus Los Angeles und ist so nachdenklich, wie sich das gehört für diese junge amerikanische Generation. (Musik Express).Ryan Adams und Conor Oberst waren die frühen Förderern der Musikerin. Mit Lucy Dacus und Julien Baker hat sie sich in diesem Jahr zu der Indie-Supergroup boygenius zusammen getan.

Lucy Dacus – Nightshift

Es ist schon starkes Songwriting, wenn ein Lied so anfängt, „Das erste Mal, als ich den Speichel von  jemand anderem probierte, hatte ich einen Hustenanfall. “ Dazwischen heißt es , „Du verdienst nicht, was Du nicht respektierst. Verdienst nicht, was du liebst und dann vernachlässigst / Was war der Plan? Vergebe dir deine Schuld und gebe dir die Hand?“ Es endet dann mit den mehrfach wiederholten Zeilen,  “ Du arbeitest von 9 bis 5, also übernehme ich die Nachtschicht und ich werde dich nie wieder sehen, wenn ich damit helfen kann. In fünf Jahren hoffe ich, dass sich dieses  Lied wie Cover anfühlt, einem neuen Liebhaber gewidmet.“

Es ist ein Song über eine Trennung aus eine Beziehung, die nicht gut tat. Es ist ein befreiende Song, sozusagen mit kathartischer Wirkung. Es ist ein eigenartiger Song. Es sind zwei Songs in einen. Er beginnt mit Gesang und folkiger Gitarre. Erst nach 2 Minuten setzt das Schlagzeug ein. Nach 4 Minuten verwandeln elektrische Gitarren alles in einen Indie-Rockballade. Die amerikanische  Singer -Songwriterin Lucy Dacus ist erst 23 Jahre alt. Night-Shft ist der Eröffnungssong auf ihren zweiten -Album Historian, welches Anfang diesen Jahres erschien. Mit  Phoebe Bridgers und Julien Baker hat sie sich zu  boygenius. zusammen getan. Ein Projekt, dass man im Auge behalten sollte. Julien Baker und Lucy Dacus werden der LGBT-Szene zugerechnet.

Qeer: Hayley Kiyoko -Curious

Wenn man sich die 80′ und 90′ Jahre im Hinblick auf queere Künstler anschaut, fällt eine Dominanz von Männern auf. Das ändert sich derzeit.

Die japanischstämmige Schauspielerin Hayley stammt aus Los Angeles. In Amerika wurde sie schon in jungen Jahren durch Fernsehproduktionen bekannt. Seit 2013 ist sie auch Sägerin und hat 3 EPs, sowie 2018 das Album Expectations veröffentlicht. In ihren Texten und Videos bringt die LGBT-Aktivistin offen ihrer Homosexualität zum Ausdruck.

Qeer: St. Vincent- Fast Slow Disco

Wenn man sich die 80′ und 90′ Jahre im Hinblick auf queere Künstler anschaut, fällt eine Dominanz von Männern auf. Das ändert sich derzeit.

Die US-amerikanische Multiinstrumentalistin, Sängerin und Songwriterin Anni Clark tritt unter dem Namen St Vincent auf. Mit dem Ex-Talking Head David Byrne  veröffentlichte sie das Album Love This Giant

Ihre Beziehung mit dem Model Cara Delevigne und später mit der Schauspielerin Kristen Stewart wurden in der Klatschpresse ausgeschlachtet. Obwohl Clark eine sehr private Person ist, betont sie in Interviews, dass sie ihre Sexualität nicht kategorisiert. Sie identifiziere sich nicht mit Begriffen wie homo- oder heterosexuell. Vielmehr glaube sie an sexuelle und genderbezogene Fluidität.

Auf ihrem Album Masseducation gibt es den langsamen Track Slow Disco. Für die Party besser geeignet ist die schnelle 2018-Version Fast Slow Disco. Das Video zu Fast Slow Disco zeigt sie tanzend in einem Schwulen-Club zwischen leicht bekleideten und schwitzenden Männern. Mir gefällt die Performance  bei Later… with Jools Holland auf BBC Two besser-

 

Queerness in der Popmusik

Das Wort  queer wurde oder wird immer noch im englischen Sprachraum – ebenso wie das Wort schwul im deutschen – als Schimpfwort gebraucht. Im Laufe der 1980er und 1990er Jahre gelang es jeddoch, den Begriff politisch positiv zu besetzen. Queer steht heute für die Betonung der eigenen, von der Heteronormativität abweichenden Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität bzw. Lebensweise. Zur queeren Bewegung zählen nicht nur Schwule und Lesben, sondern auch bisexuelle, intersexuelle, Transgender-, pansexuelle, asexuellen  und auch heterosexuelle Menschen, welche Polyamorie praktizieren. Alle verbindet die Forderung, dass der angenommene Zwang zur Heteronormativität aufgelöst werden muss und alle Menschen ihr Leben mit unterschiedlichen Vorstellungen, sexuellen Identitäten und Geschlechtsidentitäten in Frieden leben zu dürfen. In dem öffentlichen Diskurs hat die Popmusik von je her eine bedeutende Rolle gespielt, indem Künstler  ihre  abweichende  sexuelle Identität offenbarten oder sich mit einer solchen darstellten. Denkt man an  Beispiele aus den 80′ und 90′ Jahren zurück, fällt einem die Androgynität von David Bowie, Annie Lennox, Grace Jones oder Boy George ein oder der das gegen alle gesellschaftlichen Widerstände Bekennen zur Homosexualität von Jimmy Summerville (Cry Boy, Cry), den Petshop-Boys oder Marc Almond. Ebenso das bewusste zur Schau stellen der Homosexualität, wie bei Frankie Goes to Hollywoods oder den Village People. Jedenfalls bietet die Popmusik solchen Künstlern die  ideale Projektionsfläche und hilft damit auf dem Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Andersherum braucht die Popmusik offenbar nicht nur das Musikalische, sondern Persönlichkeiten, die sich von der Lebensweise der Normalbürger abheben.(Von einem Normalo im Paillettenjacket erwartet man allenfalls Schlager à la Roland Kaiser.) Diese Facetten des Leben können queere Künstler eben neben guter Musik bieten. Es mag zwar, wie Macklemore & Ryan Lewis meinen, „The Same Love „sein, aber alles andere Leben ist anders.