Waldskin – Odonata

Waldskins Musik bewegt sich zwischen Art Pop und Electronica. Die Einflüsse von Massive Attack, Portishead, Nine Inch Nails, Moderat, Radiohead, sind wahrnehmbar, ohne die Eigenständigkeit in Frage zu stellen. Allein die Instrumentierung ist besonders (Schlagzeug, Synthesizer, Cello, Gitarren, Geräusche und Gesang)  und erlaubt eine hybride Produktion aufbauend auf Elektronik-Elementen und konventionelleren Instrumenten.

 

Waldskins zweite Single, nach de ebenso düsteren „The Shore„, heißt „Odonata“ , also Libelle. Die Lyrics lauten am Ende:

Ich habe eine Libelle. Ich habe sie direkt unter meiner Haut. Ich muss sie rausschneiden. Ihr helfen, ihre Flügel zu öffnen

Libellen würden natürlich nie in einen menschlichen Körper eindringen, um das Blut auszusagen. Die Vorstellung ist aber schön gruselig. Das gruselige Insekt soll den Größenwahn, die Tyrannei und chronische Gier krimineller Herrscher symbolisieren. Diese düsteren Imaginationen haben Waldskin musikalisch überzeugend umgesetzt.

Entschleunigung

Peter Broderick veröffentlicht am 28.08.2020 sein neues Album Blackberry

Manchmal greift alles perfekt ineinander. Heute ist Sonntag. Der Stress der Arbeitswoche ist annähernd vergessen. Gerade habe ich einen aufgezeichneten Fernsehbeitrag angeschaut, einen regionalen Reisebericht, der unter dem Thema Entschleunigung stand. Hier im ohnehin ruhigen Westfälischen ist Ost-Westfalen und insbesondere die Gegend um Paderborn offensichtlih der geeignete Landstrich für entschleunigtes Reisen. So einigermaßen entspannt begebe ich mich an den Schreibtisch, um mich mit dem Singer/Songwriter und Multiinstrumentalisten Peter Broderick (alle (Fotos von Aofi Light) zu beschäftigen.

Dieser veröffentlicht nämlich, ohne die üblichen Vorankündigungen als Überraschungs-Release am 28. August 2020 sein neues Soloalbum Blackberry in digitaler Form (Cover Artwok- Peter Broderick-Blackberry @ Erased Tapes) Wer es lieber physisch mag, muss auf die CD noch bis zum 30.10. warten. Ich kann ich mir vorstellen, dass diese Musik auf Vinyl besonders gut wirkt. Auch hier muss man bis zum 30. Oktober warten. Aber Geduld passt ja ganz gut zum Thema Entschleunigung .

Und so passt alles zusammen, denn bei der Beschäftigung mit Peter Broderick habe ich feststellen dürfen, dass er den perfekten Soundtrack für jedwede Entschleunigung liefert. Dabei ist es unmöglich ihn auf ein Genre festzulegen. Broderick hat in seinem bisherigen Werk alles von Gospel und Soul über Spoken Word und Beatboxen bis hin zu Folk, Rock und Klassik einbezogen. Er zaubert Klangkulissen in denen alles fließt. Seine Experimentierfreudigkeit ist hingegen eine Konstante, wie auch seine bedingungslose Offenheit für Kollaborationen mit Gleichgesinnten wie u.a. mit dem Neo-Klassiker Nils Frahm. Manchen ist Peter Broderick als Mitglied des Live-Ensmbles der experimentellen dänische Band Efterklang bekannt, mit der er von 2007 bis 2013 regelmäßig auf Tour war.

Blackberry ist nach fünf Jahren das erste Studioalbum, auf dem Peter Broderick wieder als Sänger zu hören ist. Er hat es im Sommer 2019 komplett im eigenen Schlafzimmer in London aufgenommen — weshalb er es als „experimentellen Schlafzimmer-Folk-Pop“ beschreibt. Während der 33-Jährige sämtliche Instrumente selbst eingespielt hat, bekommt er einzig auf dem Abschlusstitel Wild Food gesangliche Unterstützung von seiner Frau, der Sängerin Brigid Mae Power, und seinem Stiefsohn Seán Power. 

Der Albumtitel Blackberry meint nicht etwa das früher bei Managern sehr beliebte Mobiltelefon. Bei der Frage, ob sich der techische Fortschritt als Segen oder aber als Verhängnis erweist, zeigt sich der naturverbundene Broderick eher skeptisch. „Ich sehe, dass diese Maschinen all unsere Tage auffressen“ heißt es etwa im Song  Let It Go. Vielmehr ist der Bezugssong ( Ode To Blackberry) ein ehrfürchtiges Loblied auf die Brombeere. „In einer Zeit, in der wir Menschen mit den Folgen konfrontiert werden, die unser Handeln auf die gesamte Umwelt hat, bin ich sehr für lokale Lösungen, für eine Auseinandersetzung mit den Naturgegebenheiten vor Ort. Als ich vor ein paar Jahren damit begann, mich intensiv mit dem Sammeln von essbaren Wildpflanzen zu befassen, hat mich die einfache Brombeere nicht gerade vom Hocker gehauen — doch ich sollte schon bald mit neuer Leidenschaft zu dieser vertrauten Frucht aus Kindertagen zurückkehren. Selbst in den urbansten Ecken bahnen sich die knorrigen, unverwüstlichen Ranken der Brombeere ihren Weg, als wollten sie uns daran erinnern, wo wir herkommen.“

Durch die acht Songs des Albums erfahren wir viel persönliches von Peter Broderick, über seine Einstellung zur Natur, zum Sterben und seine Verbundenheit zur Familie. Vor allem nimmt er sich Zeit – und das empfinde ich als Entschleunigung. Er nimmt sich Zeit, seine Geschichten zu erzählen. Nichts treibt hektisch vornan. Das Liebeslied an seine Frau (What’s Wrong With A Straight Up Love Song) ist ganze neun Minuten lang. Wir sollten uns auch Zeit zum Zuhören nehmen. Es gibt viel zu hören an verschiedenen Klängen und Naturgeräuschen in jedem einzelnen Song.

„Du kannst nur so glücklich sein wie die Welt, in der du lebst. Und die Welt wird dir sicherlich sagen, wie sie sich fühlt, wenn du zuhörst.“singt Peter Broderick im Eröffnungssong  Stop And Listen. Stimmt.

TSHA – Sister

TSHA ist eine in London ansässige Produzentin, die sich schnell zu einer der aufregendsten jungen Künstler*innen entwickelte. TSHA ist auch gefragte Remixerin und wurde mit Abmischungen von Foals (Cafe D’Athens), Throwing Snow (Righteous Mind) oder  Qrion (B4 Montreal) beauftragt.  Zuletzt hat sie einen tollen Remix von  Lianne La HavasCan’t Fight erstellt.

Ihre eigene EP „Flowers„, wird am Freitag, den 16. Oktober 2020, bei Ninja Tune veröffentlicht und u.a. die englische Sängerin  Gabrielle Aplin und der malischen Griot-Musikgruppe Trio da Kali als Gästen featuren. (Foto: Kiran Gidda)

Zum Song „Sisters“ erzählt uns TSHA folgende Geschichte: „Ich habe ‚Sister‘ während des Lockddowns geschrieben, nachdem ich herausgefunden hatte, dass ich eine ältere Halbschwester meines mir unbekannten Vaters habe, mit dem sie auch nichts zu tun hat.“, erklärt TSHA„Während der Ausgangssperre telefonierten wir und schrieben uns Nachrichten, und vor kurzem trafen wir uns zum ersten Mal. Sie ist reizend und wir haben uns sofort verstanden, daher bin ich sehr froh, ein neues Mitglied in meiner Familie zu haben, da ich bislang in meinem Leben davon noch nicht viel mitbekommen habe. Das Lied ist ein Ausdruck all dieser Gefühle.“.

Marie Davidson & L’Œil Nu -Renegade Breakdown

Marie Davidson & L’Œil Nu (aus dem französischen: „Marie Davidson und das nackte Auge“) ist ein Trio aus alten Freunden mit gemeinsamen Wurzeln in der Montrealer DIY-Szene: Marie Davidson, ihr Ehemann Pierre Guerineau, die zusammen auch als Essaie Pas weltweit Erfolge feiern, und Asaël R. Robitaille. (Portraitfoto von Jocelyn Michel; Beitragsfoto: Album Artwork Marie Davidson & L’Œil Nu – ‚Renegade Breakdown‘ by Ninja Tunes)

Marie Davidsons Album Working Class Woman“ aus dem Jahr 2018, bezeichnete die taz als „eines der besten elektronischen Alben der letzten Zeit“. Dagegen ist das nun erschienene „Renegade Breakdown eine Wandlung hin zur Rockmusik . Und das kam so : Nach dem Erfolg des Albums  „Working Class Woman“ tourte Marie intensiv durch Europa und Nordamerika, und hier kam für sie, durch das  zerstörerische Tourleben komplett entkräftet,  der Wendepunkt. Ihre Enttäuschung über die Clubkultur war der Motor, um musikalisch etwas anderes zu machen. Am Ende der Tournee rief sie Robitaille und Guerineau an und erzählte ihnen von ihrer Idee, Musik zu machen, die von Pop inspiriert ist – wie das ikonische Werk der französischen Sängerin Mylène Farmer – und ihre Herangehensweise an die Musik aus der Perspektive einer Songwriterin zu erweitern. Aus der Idee entstanden ist das Album „Renegade Breakdown„, welches am 25.09.2020 raus kommen wird. Daraus gibt es jetzt schon die gleichnamige Single mit einen schönen englisch/französischen Sprachenmix.

BÄRENSPRUNG – Thinking of sunday

Rainer Bärensprung, der seit einigen Jahren in Bielefeld das Studioprojekt BÄRENSPRUNG betreibt, ist ein Spezialist für elektronische Musik. BÄRENSPRUNG hat heute seine neue Single „Thinking of sunday“ vorgelegt. Der Song hat eine geradezu hypnotische Wirkung. Er beginnt mit dem rhythmischen, einfachen Grundthema und gewinnt immer mehr an Volumen. Beim dann einsetzenden Gesang werden die zwei Zeilen der Lyrics wie ein Mantra wiederholt. Wenn man von Rhythmus schließlich eingefangen ist, kommt- bevor die Trance endgültig einsetzt – ein jeher Schluss. Schnipp, zurück in die Realität! Wie immer bei BÄRENSPRUNG, wird der Song von einem außergewöhnlichen Video begleitet. Das Auge weiß nicht worauf es sich konzentrieren soll. Flamen , Landschaft, schemenhafte Personen? Auch hier wieder die Wiederholung, das Mantra. Schaut es euch an.

BRONSON – Das gemeinsame Projekt von ODESZA und Golden Features veröffentlichen sein erstes Album (VÖ 07.08.2020)

Bronson ist das Gemeinschaftsprojekt des aus Seattle stammenden Duos ODESZA (Harrison Mills und Clayton Knight) und des Produzenten Thomas George Stell alias Golden Features aus Sydney. Schon als Soloküntler sind ODESZA und Golden Features sehr erfolgreich. Zusammen erreichen die Musiker Streamingzahlen in Milliardenhöhe und zählen gleich mehrere Gold- und Platinauszeichnungen für ihre Singles und Alben. Das erste, selbstbetitelte Album des gemeinsamen Projekts Bronson erscheint nun am 07. August bei Foreign Family Collective/Ninja Tune. Das Album kombiniert sowohl melodische Vocal-Songs mit Gastbeiträgen von lau.ra (die, neben u.a. Nigel Godrich von Radiohead, Teil der experimentellen Rockband Ultraísta ist), dem gefeierten US-amerikanischen R&B-Sänger Gallant und dem britischen Produzenten Totally Enormous Extinct Dinosaurs (TEED) als auch stimmungsvollere, tiefergehende Elektronika.

Mein persönlinches Highlight ist HEART ATTACK“(feat. lau.ra), weil es melodische Elektronika mit dem reichen Gesang von Laura Bettinson (aka lau.ra) vereint. Nach Aussage des Trios diente der Song als Inspiration für die weiteren Vocal-Tracks. Das zugehörige Video visualisiert die Dualität zwischen Licht und Dunkelheit, die sich thematisch durch das Album zieht.

Überwiegend finden sich bei den insgesamt 10 Stücken auf der Platte aber Instrumental-Tracks in angenehm tiefen Frequenzen, wie „Vaults“, bei denen höchstens verfremdete Vocal-Samples eingesetzt werden.

Zu „VAULTSsagen Bronson : „Dieses war eines der schon früh produzierten Instrumentalstücke, die wir fertiggestellt haben, und es diente als Eckpfeiler für das gesamte Sounddesign und die Ästhetik des Albums. Das Stück erwies sich wirklich als eine Abkehr von unseren jeweiligen Stilen und setzte einen endgültigen Richtungswechsel für das BRONSON-Projekt.

Wodurch der angesprochen Stilwechsel beeinflusst wird, zeigt  Bronsons eigens für diesen Zweck zusammengestellte Playlist „Foundation“, die die Einflüsse des Trios bei der Produktion des Album zusammenfasst. Bronson haben sich demnach viel mit europäischer elektronischer Musik, vor allem aus Großbritannien und Deutschland befasst.

Eclecta – Perfect Pictures

Die beiden schweizerischen Multiinstrumentalisten Marena Whitcher und Andrina Bollinger (Foto: Nicole Pfister) sammeln Klänge und erstellen daraus Samples und Beats, die als Rohstoffe für ihr Studioalbum „Open Other Doors“ dienen. Das Duo Eclecta bricht Wahrnehmung von Musik durch kunstvoll gestaltete Rhythmen und ihre Stimmen, die sich in ein Gesangsduell begeben. Jeder hat schon einmal erlebt, das ein perfekt gestaltetes Bild nicht als schön, sondern als langweilig empfunden wird. Erst kleine Fehler und Abweichungen machen ein Bild interessant. Genau das übersetzen Electa in Klänge mit absichtlichen Aufnahmefehler und elektronisch missbrauchten natürlichen Klängen. Durch die Brechung ist das Ergebnis unperfekt und höchst interessant.

Foto: Nicole Pfister

Howling – Colure

Alben der Woche I

Der australische Folk-Sänger Ry Cuming aka Ry X und Frank Wiedemann, Mitbegründer des einflussreichen Berliner Labels Innervisions und eine Hälfte des Produzenten-Duos Âme,  haben ihr gemeinsames Musikunternehmen Howling wieder aufleben lassen, und präsentieren „Colure„, die zweite Platte und Fortsetzung ihres erfolgreichen Debüts „Sacred Ground“, auf dem damals der namensgebende Hit „Howling“ enthalten war. Auch Colure zeigt wieder gut die Zusammenarbeit der beiden läuft. Es geht ihnen darum, verschiedene musikalische Sphären miteinander in Kontakt zu bringen und die dadurch entstandenen neuen Möglichkeiten zu nutzen, die sich aus einer Differenz ergeben können.  Mit „Colure“ wollte das ungleiche Paar dort anknüpfen, wo sie mit ihrer letzten Platte aufgehört haben und die wichtigsten Zutaten darauf destillieren, um sie zu verbessern. „Wir wollten, dass die Leute sofort merken: ‚Das ist ein Howling-Track!‘“, erklärt Wiedemann.

BRONSON – ‚KEEP MOVING‘

Das Us-amerikanische EDM- Duo ODESZA australische Produzent Tom Stell aka Golden Features haben sich zu einem neuen Projekt mit dem Namen BRONSON zusammengeschlossen . Bevor am 07.08.2020 das erste Album der Kollaboration, welches schlicht BRONSON heißt, erschien am 21.07. die Single KEEP MOVING mit einem irren Video.

Das Video, bei dem das schwedische Kollektiv Stylewar Regie führte, besteht vollständig aus Archivmaterial, das einen Arbeitsplatz in einem Unternehmen zeigt und auf satirische Weise bearbeitet wurde, um die Basslinien und den Marschrhythmus des Stücks zu ergänzen. Nachdem Stylewar aus Tausenden von Stunden Film das Basismaterial ausgewählt hatte, manipulierten, bearbeiteten und verwendeten sie VFX, um die Handlung zum Leben zu erwecken und ein Video mit verzerrter Realität zu schaffen.

Waldskin -The Shore

„Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […] Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Albert Camus – Der Mythos des Sisyphos –

Beklemmend schöne Musik mit plakativer Kritik

Aurèle Louis , Maryam Hammad und Nathan Gros haben Waldskin erst in diesem Jahr gegründet. Auf ihrer erste Single „The Shore“ erzeugen Sie mit Schlagzeug, Cello, Bass, Gitarre, Synthesizer, Geräusche und Gesang eine raumfüllende dunkle Atmosphäre. Musikalisch ist alles enthalten, Electronica, Alternative, Indie, Trip-Hop und Industrial Rock Der Text befasst sich etwas zu sehr plakativ mit Klassenkampf, greift die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und stellt die Großen dieser Welt als zynische, gierige und machthungrige Monster dar.

Das von griechischer Mythologie inspirierte Musikvideo hat Regisseurin Sarah Jacquier inszeniert. Sie sagt dazu: „Die dichte, starke, dunkle Energie des Liedes führte mich natürlich zu diesen Geschichten. Es war wie ein Pferd, das im Dunkeln herumläuft und versucht, einem unsichtbaren Feind zu entkommen. Die Idee einer Schleife kam mir und ich stellte mir diesen Sisyphus vor, wie eine Armee von Geschäftsleuten, die auf ein unklares Ziel hinarbeiten, in einem anstrengenden, sich wiederholenden Leben. Wir alle haben uns manchmal so gefühlt, als würde unsere Arbeit zu nichts führen, was für die Gesellschaft von Bedeutung ist.“