Alben der Woche (Teil 2)

Stella Sommer – Northern Dancer

Seit nunmehr 10 Jahren bereichern Stella Sommer und ihr Projekt “Die Heiterkeit “ die hiesige Musiklandschaft durch ihr Schaffen irgendwo zwischen Folk, Chanson und orchestralen Pop. Ein Album schöner als das andere, jedes eine Welt für sich.  Das letzte Meisterwerk war 2019 das Die Heiterkeit-Album “Was Passiert Ist” . Nunmehr kommt mit “Northern Dancer” Stella Sommers zweites englischsprachiges Album , nach “13 Kinds of Happiness”, ihr sechstes Album insgesamt. Darauf zehn Songs, zauberhafte Geschichten aus ihrer eigenen  Welt, in die sie uns mitnimmt. Produziert wurde „Northern Dancer“ von Max Rieger. Stella Sommer hat die Stücke geschrieben, arrangiert, gesungen sowie Gitarre, Klavier und Synthesizer eingespielt.  Die Musik fließt von düster zu hell, von ruhig zu dynamisch, von stark zu zerbrechlich. “Northern Dancer” klingt als hätte Marianne Faithfull  eine Leonard Cohen Platte eingesungen.

Alben der Woche (Teil 1)

Common – „A Beautiful Revolution Pt. 1.“

Foto: Armin Ramzy

In den USA treibt der politische Lagerkampf auf einen Höhepunkt zu. Bei der Präsidentschaftswahl am kommenden Dienstag geht es um nichts weniger als die Entscheidung, ob der liberale Teil der amerikanischen Gesellschaft  wieder die Oberhand gewinnt oder das Land noch tiefer in einen reaktionären Nationalismus, geprägt von weißen Männern, abrutscht. Sollten Trump/Pence an der Macht bleiben, ist nicht erkennbar, dass irgendwas geschieht, um die massive Benachteiligung von Minderheiten z. B. bei der Krankenversorgung oder durch Rassismus zu beseitigen. Gewinnen Biden/Harris besteht immerhin ein Funken Hoffnung auf Änderung.

„Beautiful Revolution Pt. 1. ist Bestätigung. Es ist Anerkennung. Es ist Erhebung. Es ist Musik, die zu einer Bewegung passt. Denn die Wahrheit ist, gibt es noch so viel zu tun. Unabhängig vom Wahlergebnis müssen wir sicherstellen, dass die Dinge nicht zum Status quo zurückkehren. Die Absicht der Musik ist es, all unseren Schmerz und unsere Empörung in etwas Produktives, Inspirierendes und Gutes zu lenken. Es soll helfen, eine Bewegung in unsere nächste Phase der zu erledigenden Arbeit zu führen.“

Common

Genau in dieser Situation kommt der Rapper Common, ein Hip Hop-Urgestein, Grammy-, Emmy- und Oscar-gekrönten Künstler, mit dem durch und durch politischen Album „A Beautiful Revolution Pt. 1. „. In sieben Tracks eingeraht von einem Intro und einem Outro beschreibt er die desolaten gesellschaftlichen Bedingungen für seine schwarze Community, aber auch ihre Forderungen und Hoffnungen. Musikalisch ist die Mischung aus Rap, Hip Hop, R&B und Jazz genau so hochkarätig, wie die Band, die er um sich geschart hat. Zur Band des Albums gehören Robert Glasper (Keyboards), Karriem Riggins (Schlagzeug), Burniss Travis (Bass), Isaiah Sharkey (Gitarre) und PJ (Gesang), sowie die Gäste Black Thought (The Roots) und Lenny Kravitz.

Das Cover-Bild von A Beautiful Revolution Pt. 1’s“ (s.o.) basiert auf der Fotografie des Ghanaischen Fotografen und Künstlers Derrick Boateng

Common ruft nicht zur blutigen Revolution auf. „A beautiful Revolutiom“ findet im Innern statt, beginnt mit Veränderungen des Denkens und der Einstellungen und kommt ohne Gewalt aus, wie er im Outro deutlich macht. Der Track “A Place In This World“ ist Teil von Michelle Obama’s Initiative “When We All Vote”, in der sie zur teinahme an der Wahl aufruft. Die früheren First Lady hebt dies auf Instagran hervor: https://bit.ly/2HFI8KB

Gregor McEwan vervollständigt mit “ Ode To Oh“ seine EP „Autumn Falls“

“Wenn der Herbst hereinbricht”, also “As Autumn falls” ist ein schönes Wortspiel, weil „autumn“ und „fall“ im Englischen  synonyme Wörter für die Jahreszeit zwischen Sommer  und Winter sind. Der trickreiche Titel zeigt an, dass wir hier die Herbst EP des Wahlberliners Gregor McEwan vorliegen haben. Gregor McEwan ist nicht zu verwechseln mit Obi Wan Kenobi aus Star Wars Episode I. Obi Wan hatte jede Menge  Ärger mit Darth Vader, er ist aber nicht, wie Gregor McEwan,  am Rande des Ruhrgebiets aufgewachsen und musste sich also nicht entscheiden, ob er zu Dortmund oder zu Schalke hält.

Der Schalke-Fan : ) Gregor McEwan hat nun mehr mit dem Song “Ode To Oh” seine Herbst-EP vollendet und schließt damit an die zu Anfang des Jahres erschienene Frühjahrs- EP “Spring Forward” an. Wir erkennen das ausgeklügelte Konzept.

Auf der EP “Autumn Falls” befinden sich die Singles “Halloween Costume”, “Autumn Falls”, “Forever Ago” und der brandneue Song “Ode To Oh”. 

Olli Schulz empfahl Gregor McEwan in seinem Podcast fest & flauschig mit der Worten: „Der ist auf alle Fälle ein guter Musiker“. Recht hat der gute Olli. Denn wer so schöne, melodiöse Songs Schreiben und emotional darbieten kann, der ist auf alle Fälle ein guter Musiker.

PS.: Das Beitragsbild ist von Kati von Schwerin. Ich empfehle diesen Namen auch mal in das Suchfenster des Lieblingsstreamingdienstes einzugeben

Die Münchener Indie-Darlings Matija bringen ihr zweites Album „byebyeskiesofyesterday“ raus (VÖ 09.10.2020)

Gestartet 2011 als eine Schülerband in München wurde die Band The Capitols 2016 von einem Hamburger Produzenten entdeckt und unter Vertrag genommen. Da eine amerikanische Soulband mit dem gleichen Namen existierte, entschloss man sich, für das Debütalbum „Are We an Electric Generation Falling Apart?“ den Vornamen des Sängers “Matija” Kovac als Bandnamen zu wählen. (Bild: Hieroniymus Josch). Diese Entscheidung ist durchaus nachvollziehbar, denn dessen dandyhafte Attitüde und sein mitunter androgyner Gesang sind prägend für die Band.

Inzwischen vom Quartett zum Trio geschrumpft (Matt Kovac, Gesang, Gitarre, Bass; Jan Salgovic, Gitarre, Bass, Keyboards; Sami Salman, Schlagzeug, Percussion), ist der musikalische Ausdruck beim nun ab dem 09.10.2020 vorliegenden Zweitwerk „byebyeskiesofyesterday“ enorm gewachsen. Standen beim Debüt noch stürmische Gitarren im Vordergrund, ist nunmehr Matts Stimme in den Mittelpunkt gerückt, sodass das Album ein ganzes Stück poppiger geworden ist.

An den Reglern saß der Münchner Produzent Willy Löster (Leslie Clio, Joris), der den Sound weicher gestaltete.  “byebyeskiesofyesterday” kommt federleicht daher, schwärmerischer, bittersüßer Indiepop mit housigen  Anklängen und durchweg schönen Melodien, die im Ohr bleiben. Macht die Probe aufs Exempel und hört  euch “troikilometres” oder “saddaysinthecity” an. Ich wette, dass ihr die Melodie noch summt, wenn der Player längst verstummt ist.

Mein Anspieltipp, wenn das Album “byebyeskiesofyesterday” dann am Freitag auf allen Streamingplattformen abzuspielen ist, lautet “thestreetssinghallelujah”. Klingt wie in neues Stücks von “The XX”.

Silent Attic – Escape EP (VÖ 02.10.2020)

Silent Attic ist die Band des schweizerisch-dänischen Sängers und Gitarristen Eros Atomus Isler, der Verstärkung erhält von Leon Paul Paulsen (Gitarre), Benjamin Bajramovic (Bass) sowie Maik Klink (Schlagzeug). Sie kommen aus dem hohen Norden der Republik, aus Flensburg. In ihrer klassischen Rock-Besetzung kreiert Silent Attic atmosphärischen Indie-Rock, der gekonnt den Sound englischer Indie-Rocker der Nuller-Jahre aufleben lässt. Silent Attic klingt sehr international, wie man sich beim 2019 erschienenen Debütalbum„ Late Night Talks“ aus dem Jahr überzeugen kann, welches deutschlandweiten Anklang fand.

Ep Escape erscheint am 02.10.2020

Am Freitag bringen Silent Attic ihre neue EP mit dem Titel „Escape“ heraus. Diese beinhaltet neben den schon herausgegebenen Singles „Take My Time „ Und „Hide Away“ drei weitere brandneue Songs.

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„Wie der Titel ‚Escape‘ schon sagt, bedeutet die EP für uns als Band auch auf eine Art und Weise eine Flucht“, berichtet Silent Attic. „Einerseits haben wir versucht, unsere alten Muster hinter uns zu lassen und das Songwriting und die Recording Sessions diesmal anders anzugehen. Auf unserem Debütalbum waren wir uns noch nicht so ganz sicher, in welche Richtung die Musik von Silent Attic in der Zukunft gehen würde und haben viel herumexperimentiert. Die EP schlägt jetzt sozusagen ein neues Kapitel für uns auf. Wir haben diesen neuen Sound geschaffen, der uns allen ziemlich gut gefällt, und wir hoffen, dass es den Fans genau so geht.“

Silent Attic müssen sich aber keine Sorgen machen, dass es den Fans nicht gefallen könnte. Denn auch wenn das Songwriting emotionaler ausgefallen ist, erkennt man den Sound von Silent Attic mit seinen eingängigen Gitarrenlriffs wieder. Vor allem muss sich mit seiner Stimme und seiner Art zu singen nicht hinter britischen Pop-Ikonen wie Arctic Monkeys über The Smiths verstecken.

Ghetto Royal – Persona Non Grata

Gleich mit ihre ersten Single, dem eher düster-schweren Song „IRGENDWAS IST IMMER“ aus dem Jahr 2019 weckte Ghetto Royal große Erwartungen. So schrieb die Süddeutschen Zeitung über den Kopf und Gründer der Band, Michael Ammon: “Wer solche Textzeilen in wütende Rockmusik verpacken kann, gehört auf die große Bühne”.

Die Passauer Kombo Ghetto Royal veröffentlicht heute ihr Debüt-Album „Persona Non Grata“

Durch die Vielschichtigkeit, Authentizität und Energie der insgesamt 9 Songs auf „PERSONA NON GRATA“ können Amon und seine drei Mitstreiter die hochgesteckten Erwartungen erfüllen. Die beiden bereits hier besprochenen weiteren Singles Gute Laune Müsli und „Hyänen machten schon klar, die Texte befassen sich nicht mit irgend einem beliebigen Zeugs, sondern gehen ernste Themen an, wie etwa Mobbing, das man leider in allen möglichen gesellschaftlichen Kontexten antrifft. Auch vor den Prolemen der psychischen Gesundheit, die viele betreffen, wird sich nicht weggeduckt. Die Lyrics sind ein Pfund auf dem Debüt. Gefühle wie Kummer und Trauer gehören zum Leben. Ghetto Royal blendet sie deshalb nicht aus, sondern verarbeitet sie in den Song „WO DIE WEIDEN TRAUER TRAGEN“. Haltung und kritische Auseinanderseetzung zieht sich durch das Erstlingswerk. Der Track „HALLELUJAH“ etwa tritt allen religiösen Institutionen kräftig vors Schienbein: „Wir feiern unser Sein auch ohne Heiligenschein – Wir sind so dreckig, aber mit uns im Rein‘ “. „BERG & TAL“ setzt sich mit dem Selbstoptimierungswahn auseinander, den so macher an den Tag legt.

Die Musik auf „Persona Non Grata“ ist dreckig und laut, richtig schöner Punk-Rock halt, auch gerne mit Mitschrei-Refrain. Mein Anspieltipp hierzu ist das großschnäuzige „ACHILLES“. Aber bei aller mächtiger und krachender Punk-Attitüde haben Ghetto Royal (dennoch) ein einabwechslungsreiches Album geschaffen. Es gibt genügend melodiöse Momente und eingängige Hooks. Und mal ganz ehrlich, Songs von einer Punk-Band, die nur noch in Melodie schwelgen, so dass sie auf CDU- Parteitagen mitgesungen werden können, die kann doch keiner wirklich wollen.

Tracklist

GHETTOMOND

HYÄNEN

ACHILLES

GUTE LAUNE MÜSLI

HALLELUJAH

KOMPLETT IM ARSCH

IRGENDWAS IST IMMER

WO DIE WEIDEN TRAUER TRAGEN

BERG & TAL

Der Liedermacher Pohlmann ist mit einem sehr persönliches Album wieder da

falschgoldrichtig“ erscheint am 11.09.

Im Jahr 2006 feierte Ingo Pohlmann, der als Künstler kurz und knapp nur seinen Nachnamen benutzt, seinen Durchbruch mit dem fröhlich tanzbaren Hit „Wenn jetzt Sommer wär“. 34 Jahre war er jung, als er damals perfekt den Surfer-Sound à la Jack Johnson ins Deutsche adaptierte. Nun ist Pohlmann 48 Jahren alt und hat einiges an Lebenserfahrung gewonnen. Ganz und gar Liedermacher, der er nunmal geblieben ist, teilt er seine Erlebnisse und Gedanken mit seinen Zuhörern. Mit „falschgoldrichtig“  legt er ein eindringliches und sehr persönliches Album vor. Sehr authentisch verarbeitet er darin den Tod seines Bruders, der vor 23 Jahren verstarb, ebenso wie das Ende seiner langjährige Beziehung zu seiner Freundin, die wegen eines gemeinsamen Kindes aber nie wirklich enden kann. Auch blitzt nochmal der ganz junge (Jack Johnson-) Pohlmann auf, wenn er von seiner Jugendliebe auf dem Schulweg singt. Das ist es , was Pohlmann sympathisch bleiben lässt. Er hat sich nicht zum harten Kerl gewandelt. Vielmehr geht es in seinen Songs um Schwächen zeigen, Verletzlichkeit zulassen und emotionale Erinnerungen teilen. Den Weg über die persönlichen Emotionen nutz Pohlmann dann, um seine seine Gedanken und seine Meinung den Zustand der Welt, sei es die Zerstörung der Umwelt, die Ausbeutung arbeitender Menschen oder das Leid der geflüchteten Menschen zu teilen, und zwar immer mit einer Ich-Botschaft („Ich sitze im Glashaus und werfe doch den ersten Stein“) oder als persönliches Erlebnis verarbeitet. Der Song „Taxischein“ über die Begegnung mit einem geflüchteten Menschen ist ganz stark. Bei all den teils nicht so schönen Erfahrungen, über die Pohlmann singt, ist „falschgoldrichtig“ alles andere als eine verbitterte Abrechnung mit dem Leben geworden. Im Gegenteil Pohlmann tanzt immer noch durch das Leben. Seine Texte haben viel Wortwitz und die optimistischen Melodien, wie auch die ausgewogenen Kompositionen stimmen positiv und hoffnungsvoll.

Als Anspieltipp habe ich „Unterwasser Atmen“ ausgesucht. Hier erzählt – im Sinne des Wortes – Pohlmann, wie es ihm in der Situation als frisch getrennter Mann geht.

Interview mit der britischen Indie-Rockband “Everything Everything” anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung ihres neuen Albums “Re-Animator” (VÖ 11.09.)

„Re-Animator“ ist das fünfte Album von Jonathan „Jon“ Higgs (Gesang, Gitarre), Jeremy Pritchard (Bass), Alex Robertshaw (Gitarre, Keyboard) und Michael Spearman (Schlagzeug). Die vier Briten, ehemalige Studenten der Musikwissenschaft, formierten ihre Band Everything Everything im Jahr 2007.  Die ersten beiden Wörtern des Radiohead-Songs “Everything In Its Right Place” ergaben den Bandnamen. Mit ihrer wunderschönen, provozierenden, ja gebildeten Musik waren Everything Everything immer Lieblinge der Medien und kamen bei ihren Konzerten gut an. Ihr Debutalbum “Man Alive” wurde für den Mercury Prize 2011(Auszeichnung für die besten Alben der Jahres in UK) in die engere Wahl gezogen.

Erfolgsgeschichte

Einen Großteil der Jahre 2017 und 2018 verbrachten Everything Everything auf Tournee, darunter ihre bisher umfangreichste Amerika-Konzertreise und ihre größten Shows in Großbritannien – inklusive einer epischen Nacht im 10.000 Zuschauer fassenden Londoner Alexandra Palace. Das letzte  Album „A Fever Dream” brachte ihnen 2018 die zweite Nominierung für den Mercury Prize ein. „A Fever Dream“ zeichnet sich durch seine gesellschaftskritische Haltung aus, insbesondere in der Auseinandersetzung mit den Folgen der Digitalisierung.

Brand im Bandquartier

Auch Everything Everything haben mit dem  Corona-bedingten Lockdown zu kämpfen, wobei zusätzlich an dem Tag, als die Sperrung angekündigt wurde, ihr Bandquartier durch ein Feuer zerstört wurde. Die Band berichtete, das neben technischen Equipment mehrere  Gitarren zerstört wurden, die wegen der verbundenen Erinnerungen auch ideelle Werte darstellten. Wegen Corona und den damit verbundenen Auftrittsverboten verschoben Everything Everything die eigentlich für August geplante Veröffentlichung des Albums. Aber nun wird “Re-Animator” am 11. September und ich freue mich, dass mir Jon Higgs, der Kopf der Band, aus diesem Anlass ein Interview gegeben hat.

Interview mit Jon Higgs

Adohr: Everything Everything hat sich nie gescheut gesellschaftlich relevante Themen, wie z.B. die dunklen Seiten der Digitalisierung aufzugreifen. Der Titel eures neuen Albums Re-Animator eröffnet viele Assoziationen. Auch wenn das Album vor dem Lockdown entstanden ist, denkt man jetzt daran, dass die Welt nach dem Lockdown reanimiert werden muss. Viele verknüpfen damit die Hoffnung, dass bei der Re-Animation der Gesellschaften stärker auf den Schutz der Natur und des Klimas geachtet wird, Was ist eure Meinung dazu und welchen Einfluss hatte die Themen Schutz der Umwelt und Klimakatastrophe auf euer neues Album.

Jon Higgs: Ja, das ist eine Lesart von Re-Animator, da sich der Titel auf etwas bezieht, das dich wieder zum Leben erweckt, etwas, das dich wieder lebendig fühlen lässt. Ich denke, viele Menschen gehen durch das Leben, als würden sie in einer Endlosschleife feststecken, denken nicht wirklich, fühlen sich nicht wirklich mit irgendetwas verbunden, existieren nur. Ein Re-Animator ist etwas, das dich aus diesem Zustand herausholt – vielleicht die Geburt deines Kindes oder das Verlieben oder eine Nahtoderfahrung oder den Verlust eines Elternteils – große Lebensereignisse, durch die du plötzlich fühlst, dass du lebst, eher ein lebendes, atmendes Tier, als ein Zombie. Ich denke, man könnte sagen, dass die Pandemie für viele Menschen ein groß angelegter Re-Animator ist. Es gab viel Selbstreflexion und Überdenken, wie die Dinge sind und wie wir leben. Der Klimawandel steht immer im Hintergrund unserer Alben, und ich erwähne ihn normalerweise jedes Mal bei mindestens einem Song. Es ist nur eine von vielen Ängsten bei Re-Animator und eine, die ich aus der Sicht eines Teenagers gewählt habe, der nicht wirklich die Verantwortung für die Reparatur der Welt haben will und die Generationen hasst, die ihn dazu zwingt.


Adohr: Wenn ein Mensch reanimiert wird, wird er vom er vom Tod ins Leben zurückgeholt. Ihr steht in der Mitte eures Lebens und seid als Band sehr erfolgreich, seid bereits zweimal für den Mercury Prize nominiert worden, habt große Tourneen und riesige Konzerthallen bespielt. Wie geht ihr mit der Gewissheit um , dass das alles mal enden wird? Ein Song auf Re-Animator befasst sich mit dem Tod. In diesem Zusammenhang, welche Bedeutung haben für euch zum eine Erinnerungen die bei einer Re-Animation oft verloren gehen, aber auch materielle Werte? (Ihr habt von der Presse von einem Feuer in eurem Studio berichtet)

Jon Higgs: Ich finde es cool, wenn alles eines Tages endet und wenn wir etwas unnatürlich verlängern, ist es normalerweise für niemanden gut. Ich bin ziemlich schlecht in Erinnerungen – mein Gedächtnis ist in Ordnung, aber ich kann schlecht zurückblicken – ich mag keine Nostalgie. Es gibt einen Song auf dem Album, in dem ich singe: „Ich schaue nicht zurück und ich freue mich nicht, weil ich das Gefühl nicht mag.“ Ich spreche über genau diese Sache, es macht mir Angst, Schudgefühle zu haben oder  das Leben geht vorbei ohne Glück  in der Vergangenheit oder Gegenwart. 

Ich mag einige materielle Dinge, aber nur, wenn sie mit sentimentalen Gefühlen verbunden sind, sonst ist es mir egal – ich bin keiner für ausgefallene Gitarren oder ähnliches. Ich mag Technologie, die ich verwenden kann, Laptops oder solche Sachen, und ich mag Software! Gott, das ist lahm, aber es ist wahr, einige Software-Teile haben mir mehr Freude bereitet als jede andere materielle Sache, die mir einfällt. Wenn sie überhaupt materiell sind …


Adohr: Vor oder während der Aufnahmen von Re-Animator hast du dich mit Julian Jaynes und seinem Werk über den Bicameral Mind beschäftigt. Dies führt zu meiner letzten und vielleicht schwierigsten Frage. Wie ist dein Verhältnis zur Religion? Wenn man den Gedanken des Bicameral Mind konsequent zu Ende denkt, dann hat nicht Gott den Menschen erschaffen, sondern Gott war ein Gedanke in einer Gehirnhälfte, der von der andren als göttlich wahrgenommen wurde. Also erschuf der Mensch Gott.

Jon Higgs: Ja, ich bin fasziniert von den philosophischen Fragen, die in der Theorie enthalten sind, dass die „Stimme Gottes“die ganze Zeit  ich  selbst war, ich bin mein eigener Gott. Sehr interessant zu denken. Die Idee von vielen verschiedenen Göttern mag ich auch, Götter mit Fehlern und Persönlichkeiten, anstatt eines Mega-Gottes, der perfekt ist und all diese seltsamen Widersprüche und Paradoxien hat. Im Allgemeinen mag ich organisierte Religion nicht, aber ich mag auch die meisten organisierten Gruppen von Menschen nicht wirklich – wir neigen dazu, schreckliche Dinge zu tun, wenn genug von uns zusammenkommen. Mein Gott ist die Natur und das Universum, ob das nun ein spiritueller „Glaube“ ist, den ich nicht kenne, es schien mir immer, dass die Sonne das einzige ist, was es Sinn macht, anzubeten, und das war das erste, was alle Kulturen taten.

„Re-Animator“- Musik und Philosophie

Zum Schreiben der 11 Songs, die auf “Re-Animator” vereint sind, haben sich Everything Everything über ein Jahr Zeit genommen, Ideen zu sammeln, Songs zu schreiben und Demos zu erstellen. Der belesene und vielseitig an ernsten Themen Interessierte Haupttexter Jon Higgs fand eine Inspirationsquelle, als er über die Theorie der bikameralen Psyche stolperte, die 1976 von dem Psychologen Julian Jaynes aufgestellt wurde.

Nach dieser Theorie waren in der Frühphase der menschlichen Evolution die beiden Seiten des Gehirns getrennt, was zu einem gespaltenen Bewusstsein geführt hat, etwa so wie heute in der Psychiatrie die Schizophrenie erklärt wird. Eine Gehirnhälfte nahm die andere als Stimme wahr, die zu ihr wie Gott oder ein verstorbener Vorfahre gesprochen hat. So erklärte Jaynes die Entstehung von Religionen.

Die Faszination der Idee, von Gott in einem selbst, schlug sich unmittelbar in den Songs ‟In Birdsong” und „Planets“ nieder, die das Staunen über die Wunder der Natur thematisieren, und ‟Arch Enemy”, der mit einem elegant gewundenen Art-Funk-Rhythmus die Anbetung der falschen Götter Gier und Verschwendungssucht geißelt, die letztlich für der Klimawandel verantwortlich ist. Das Thema Doppelebene spiegelt sich auch im Song ‟Big Climb” wieder. Während der dunkle Text zum Innehalten zwingt, stürmt die Musik geradewegs auf die Tanzfläche. Die einfassende Klammer wird durch den Opener ‟Lost Powers” und das sich steigernde Finale ‟Violent Sun” gebildet. ‟Lost Powers” ist ein prächtiger Pop-Moment, in dem Higgs seinen Falsettgesang so wohlklingend wie nie zuvor zum Einsatz bringt. Das euphorische und laute “ Violent Sun”, das bestimmt live hervorragend funktioniert, setzt den grandiosen Schlusspunkt des Albums, das unter der Leitung des für seine früheren Arbeiten mit Künstlern wie St. Vincent, Sharon Van Etten, Angel Olsen und Future Islands bekannten Produzenten John Cogleton aufgenommen wurde.

The Day – Soon I Will Forget (EP)

THE DAY ist ein niederländisch-deutsche Duo. Laura Loeters lebt in Antwerpen und Gregor Sonnenberg in Hamburg. Man kann sich vorstellen, dass es unter der derzeitigen Corona-Bedingungen eine Band am Laufe zu halten. Umso glücklicher waren sie, als The Day die Möglichkeit bekam, im Juni ein Streaming-Konzert in der retro-modernen Umgebung der Pauluskirche in Mülheim (Deutschland) zu spielen. Als Full Band, bei voller Lautstärke, ohne Einschränkungen, ohne Kompromisse. Von dem berührenden Konzert voller Erleichterung und positiver Energie haben The Day vier Tracks dieses Konzerts zu der EP „Soon I Will Forget“ zusammengefasst die ab heute erhältlich ist. (Beitragsbild: Lumi Lausas).

Dazu gehören auch zwei Video vom Konzert.

Bandcamp

Soon I Will Forget by The Day

SOPHIE HUNGER nimmt ihr Album „Halluzinationen“ in den legendären Abbey Road Studios auf (VÖ 04.09.)

Sophie Hunger hat ihr immerhin schon siebtes Album Halluzinationen in den legendären Abbey Road Studios London aufgenommen. Die Studios haben natürlich eine besondere Atmosphere, weil dort verschiedenste Künstler, vom Glenn Miller Orchester über natürlich die Beatles und Pink Floyd bis zu Oasis den Sound ihrer Zeit geprägt haben. Dies führt zu dem Mythos, dass in den Abbey Road Studios nur gute Musik entsteht. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an das neue Album von Sophie Hunger.

Diese Erwartungen erfüllen Sophie Hunger und ihr Produzent Dan Carey, mit dem die Wahlberlinerin schon bei dem zwei Jahren veröffentlichten Vorgängeralbum „Molecules“ zusammen gearbeitet hatte. Sophie berichtet, sie seien „volles Risiko“ gegangen und hätten das komplette Album in nur zwei Tagen eingespielt, wobei – und hier zeigt sich die Professionalität der Küstlerin, sämtliche Songs live und in einem Take aufgenommen wurden.

Der Lohn ist eine besondere Intensität der Tracks, was besonders bei dem ernergetischen und rockigen „Alpha Venom“ förmlich zu spüren ist.

Auf ihrer Platte singt sie – wie auch schon zuvor immer wieder – auf Deutsch und Englisch. Dem Deutschlandfunk Kulturradio verriet sie, welche Sprache, das entscheide sich meist schon ganz am Anfang, wenn ein Song entsteht. „Meistens habe ich am Anfang ein paar Worte, die ich gerne mag“. Dazu gehöre auch das Wort „Halluzinationen“, weil es so schwer sei. „Wenn man es fertig gesagt hat, ist man sofort ein bisschen stolz auf sich, als würde man einen Salto machen – gestanden.“

Neben der Zweisprachigkeit zeichnet zeichnet sich „Halluzinationen“ duch eine ungemeine musikalische Vielfältigigkeit aus . Außer rockigen Stücken gibt es auch eine dunkele Moritat „Rote Beete aus Arsen„, aber auch luftig swingende Stücke, wie „Everything Is Good“ die gute Laune verbreiten.

Man kann das Album ganz oft durchhören und entdeckt trotzdem immer wieder was neues. Die Rhythmen sind tricky, mal ist die Gitarre im Vordergrund, mal das Piano. Das Album geht mit vielen Electronica-Elemente deutlich in eine elektronischere Richtung, als frühere Alben von Sophie Hunger.

Fazit: Die geplante VÖ musste mehrfach verschoben werden. Das warten auf den 04.09.2020 lohnt sich.