Emma McGrath stellt mit ihrerneue EP „Settled In Motion“ ihre Silent Minds- Trilogie fertig

2014 war die Britin Emma McGrath gerade mal 15 Jahre, als die Sendung ‚BBC Introducing‚ machte ihren  Song “Sit With Me” gleich zweimal zum “Track of the Week” machte. Dies war für die musikalisch hoch talentierte aber introvertierte Teenagerin, ihr Comming Out sorgte für eine verwirrende Jugend,sicher ein großartiger Durchbruch. 

2018 folgte die Silent Minds EP und eröffnete  eine EP-Trilogie in der Emma  in selbst geschriebenen Songs persönliche Erlebnisse verarbeitet. 2020 folgten die EP „Keep Your Eyes Open“ („Silent Minds Pt. 2“) und eine Akustik-Session davon, in der Emma McGarths dunkles Timbre besonders gut zur Geltung kommt.  Mit Settled In Motion (Silent Minds, Pt.3)“ komplettiert sie ihre Trilogie der „Silent Minds“ EPs. Die trilogie eröffnet die Möglichkeit, die Entwicklung der Künstlerin zu betrachten. Ihre stimme ist reifer geworden, die neuen Songs sind komplex produziert und haben Hit-Qualität, insbesondere meine Favoriten “Mad About It”  und “Stand By”. Die Klavierballaden “Say Something” und “Getaway Train” sind hymnisch . dennoch und gerade bei den Balladen hat sich Emma eine Intimität bewahrt, die sie uns Hörern vermittelt. 

Video zur neuen Single “Paradise” gewährt private  Einblicke

Die neue Single „Paradise“ ist ein weiterer Beweis ihres ehrlichen und überaus direkten Songwritings. Der Song erzählt vom schmalen Balanceakt zwischen ihrer Liebe für die Musik und ihrem Privatleben. Emma sagt dazu: „Über die Zeit habe ich ein Mindset entwickelt, indem die Musik oft zwischen mir und Freundschaften stand. Ich habe ständig Parties, Geburtstage, etc. verpasst und so den Kontakt zu einigen Leuten verloren. ‚Paradise‘ handelt davon sich zu verlieben, aber direkt die Angst zu spüren, dass es nicht funktionieren kann und du eh weißt wie es enden wird.“
Im Video zum Song gewährt Emma  ebenso tiefe Einblicke. Gedreht mit ihrer Freundin während des erneuten Lockdowns, zeigt es den inneren Kampf auf intime und sehr persönliche Weise.

Wahnschaffe – Courage (EP)

Am 19.11.2019, zu diesem Zeitpunkt wusste noch keiner was das Coronavirus ist und niemand hatte eine Vorstellung davon, welche Auswirkungen eine Pandemie hat, besuchten wir das Sputnik Café in Münster, um ein Konzert von Mister Me zu genießen. Vor seinem Auftritt spielten als Vorband Wahnschaffe.

Auf der Bühne waren Sophia Wahnschaffe und die Bassistin Hanna Von Tottleben (Foto: Thomas Wolff). Sophia sang und spielte Gitarre. Schon damals gefiel uns Wahnschaffes  R&B mit intelligenten deutschen Texten. Die Performance war beeindruckend. Auf der Bühne standen zwei Frauen, deren Herzblut in ihrer Musik steckt. 

Souliger Pop mit deutschen Texten

Kopf des Musikprojekts Wahnschaffe ist Sophia Wahnschaffe. Ihre Bio zeigt, dass es offenbar immer ihr Ziel war, als Musikerin durchs Leben zu kommen. Erste DIY – CD mit 17, danach in Bands gespielt und  Konzerte organisiert. Der Besuch eines  Pop-Kurses  in Hamburg führte zu dem Entschluss, das Solo-Projekt Wahnschaffe auf die Beine zu stellen. Wahnschaffe mischt Pop mit Soul, filigrane Gitarren mit ausgefeilten Synthie-Arrangements, organischer Percussion mit elektronischen Beats zu komplexen durchdachten Klangarchitekturen. Ihre deutschsprachigen Texte sind selbstbewusst und zeitkritisch. Wahnschaffe hat unzählige Live-Konzerte gespielt, als es noch ging. Morgen am 18.12. 2020 erscheint die erste EP von Wahnschaffe mit dem passenden Titel Courage.

Beatsteaks – In The Presence Of (EP)

Die Beatsteaks  gehören mittlerweile zu den Urgesteinen der deutschen alternativen Rock und Punk-Szene mit einer riesigen Fangemeinde. Die 1995 gegründete Band, die ihre ersten Konzerte im  Kreuzberger Club SO36 absolvierte, hat sich mit acht Alben und etlichen Konzerten in die Herzen der Fans und  bis nach oben in die Charts gespielt. Nebenbei engagieren sich die Beatsteaks, was sie sehr sympathisch macht, für ganz viele gesellschaftspolitische  Anliegen. Sie unterstützen „iCHANCE“, eine Initiative zur Alphabetisierung, rufen mit dem Verein Junge Helden zur Organspende auf, sammeln bei ihren Konzerten für die Wasserinitiative Viva con Agua und die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd. 2014 unterstützten die Beatsteaks den Aufruf von Dresden Nazifrei, die Naziaufmärsche am 13. und 19. Februar zu verhindern. (Beitragsfoto: Beatsteaks Band -Selfie)

Beatsteaks verneigen sich mit Coverversionen vor verehrten Sängerinnen

Nach dem letzten Album “Yours” war es um die Beatsteaks etwas ruhiger geworden. Nach dreijähriger Schaffenspause, gibt es aber  wieder neues und besonderes Material. Seit gut 3 Wochen versorgen sie uns mit Coverversionen. Zuerst nahmen sie sich “Monotonie” von Ideal, einen  der größten Hit der neuen deutschen Welle aus den 80ern, vor. Es folgte der wunderbare Song “Glory Box” der britischen TripHopper Portishead.  Mit der Neuinterpretation von Hildegard Knefs „Von nun an ging’s bergab“ würdigen sie die Ausnahmekünstlerin.

Seit Freitag gibt dann endlich die EP „In The Presence Of“. Die beinhaltet insgesamt sechs Coverversionen. Das besondere ist, dass die Originale allesamt von Frauen gesungen werden. Außer von Annette Humpe, Beth Gibbons und Hildegard Knef interpretiren die Beatsteaks Songs  von Maureen Tucker (Velvet Underground -“After Hours”), Lesley Gore (“You Don’t Own Me”) und Jennifer Finch (L7- “Shitlist”). Produziert wurde die EP, wie schon die letzten Erfolgsalben, von Moses Schneider. Das Cover der EP (oben) wurde von dem bekannten Berliner Künstler Jonas Burgert gemalt und heißt „BEISEIN“.

Steiner & Madlaina kündigen für das nächste Jahr ein Album und eine Tour im Herbst an

„Wünsch mir Glück“ erscheit im Januar (VÖ 29.01)

Wir müssen uns unbedingt mit Nora Steiner und Madlaina Pollina befassen. Die beiden Musikerinnen aus der Schweiz sind die Gesichter, Köpfe und kreativen Geister der Band Steiner & Madlainer. Die Feststellung, dass Steiner & Madlainer eine Band ist, zu der der Schlagzeuger Leonardo Guadarrama, der Bassist Nico Sörensen und Gitarrist (E-Gitarre) Max Kämmerling gehören, ist wichtig, weil tatsächlich der Sound und die Wucht einer Band rüber kommen.  Nora und Madlaina singen, wobei der zweistimmige Gesang die Signatur von Steiner & Madlainer ausmacht, spielen Gitarre und Piano. Ihre Musikrichtung bezeichnen sie als alternativen Pop.

Nora und Madlaina kennen  sich seit  Schulzeiten und sind in Sachen Musik schon seit ihrer Jugend eine kreative Einheit. Zwar schreiben die beiden ihre Songtexte jeweils alleine, aber Themen und Texte werden miteinander besprochen und die andere übernimmt auch immer die erste Qualitätskontrolle. Ihr erstes Album “Cheers” erschien 2018 und enthielt englische, deutsche, und schweizerdeutsche Songtexte.

(Alle Fotos: Tim Wettstein)

Warum müssen wir uns mit Steiner & Madlainer befassen? Weil Ende Januar (ab dem 29.01.2021) ihr zweites Album „Wünsch mir Glück“ in den Plattenläden stehen und bei allen gängigen Streamingdiensten abzuhören sein wird. Die Scheibe, im wesentlichen live im Studio eingespielt und von Produzent Alex Sprave abgemischt wird richtig gut. Dies kann man schon erahnen, wenn man sich die bisher daraus erschienenen Singles anhört.

Da wäre zunächst das  feministische „Wenn ich ein Junge wäre (ich will nicht lächeln)“, geschrieben und gesungen von Nora, die sich mit mit wuchtigen Drums und breitkreuzig klingenden Gitarren gegen das immer noch übliche  Mansplaining zur Wehr setzt: „Wenn ich ein Junge wäre, würde man mir mehr zutrauen? Wer bestimmt das Rollenbild der Frauen? Wenn ich ein Junge wäre eine ganze Woche lang, wüsste ich, ob man Dinge schneller ändern kann?“

Dann ist da das sophisticated Trinklied „Prost, mein Schatz“, in dem Madlaina, die den Song geschrieben hat und singt, das Ende ihrer Beziehung verarbeitet. Dazu gehört die zutreffende Frststellung, dass am Anfang und am Ende einer Beziehung da meiste getrunken wird. Wer übrigens  mehr über das Songwriting von Steiner & Madlainer erfahren möchte, der sollte sich die Podcastreihe Tracks & Tracis zu Gemüte führen. Im letzten Podcast beschreiben Nora un Madlainer Schritt für Schritt die Entstehung des Songs. Den Link gibt es hier.

Vor kurzem ist dann noch „Denk was Du willst“ als  letzte Single vor der Albumveröffentlichung erschienen. In dem im Vergleich zu den anderen sanften Song, ebenfalls von Madleiner geschrieben und gesungen, geht es schlicht um Sex.

Ankündigung einer Tour

Alle Welt redet gerade vom bevorstehenden harten Lockdown. Steiner & Madlainer haben hoffnungsvoll ein große Tour für den Herbst angekündigt. Ich wünsche von Herzen, dass das klappt. Münster ist auch dabei. Ich wäre so froh, mal wieder einen Konzertbericht schreiben zu dürfen.

Hier die Tourdaten:

02.11.21 Stuttgart – Im Wizemann Club

03.11.21 München – Ampere

05.11.21 Magdeburg – Moritzhof

06.11.21 Dresden – Beatpol

08.11.21 Hamburg – Knust

09.11.21 Bremen – Tower

10.11.21 Münster – Gleis 22

11.11.21 Essen – Zeche Carl

12.11.21 Köln – Gebäude 9

17.11.21 Freiburg – Jazzhaus

19.11.21 AT-Wien – Chelsea

20.11.21 Nürnberg – Korns

22.11.21 Wiesbaden – Schlachthof

23.11.21 Hannover – Musikzentrum

25.11.21 Leipzig – Täubchenthal

26.11.21 Erfurt – HsD

27.11.21 Berlin – Hole44

Tripping with Nils Frahm

Die Vorweihnachtszeit die Zeit im Jahr, die man nutzen sollte, alles etwas langsamer anzugehen, um zur Besinnung zu zukommen. Sich bloß nicht in den Konsumwahn hinein zwingen lassen, der alljährlich zum Weihnachtsfest hin ausbricht. In diesem Jahr braucht man keine Geschenke, weil man die Verwandtenbesuche ohne schlechtes Gewissen ausfallen lassen kann, um den R-Wert zu senken. Man findet also die innere Ruhe, sich zurückzuziehen, den Kopfhörer aufzusetzen und gute Musik zu hören. Weil man Zeit und Muße hat, darf es ruhig etwas anspruchsvoller in Albumlänge sein. Genau dafür findet ihr bei “Auf die Ohren” ab sofort ein paar Vorschläge. Keine Angst, es ist keine Weihnachts-Compilation dabei.

Auf die Ohren – Zwischen den Jahren

Eine unbedingte Empfehlung zum vertieften Hören ist Tripping with Nils Frahm. Der in Hamburg geborenen Nils Frahm hat sich schon in früher Kindheit mit Werken klassischer und zeitgenössischen Komponisten befasst, zumal er von einem namhaften russischen Pianisten am Klavier ausgebildet wurde. Jetzt hat er sein Quartier in Berlin aufgeschlagen und im Wedding sein Studio Durton gegründet. Seine dort produzierte Kombination aus Elementen der Neoklassik und minimalistischen Elektroklängen findet inzwischen weltweite Anerkennung. Nicht nur seine Studioalben kommen an. Wenn Frahm mit Orchester und seinen vielen elektronischen Instrumente auf Tour geht, dann sind die großen Konzertsäle im Sydney Opera House, in der Disney Hall in Los Angeles, im Barbican in London oder  in der Elbphilharmonie ruck zuck ausverkauft. Besonders geeignet für Frahms transzendentale Liveshow ist aufgrund seiner Akustik der Saal 1 des alten Funkhauses Berlin. Als er im Rahmen seiner All Melody Tournee zu vier Konzerten im Funkhaus einlud, waren die Tickets binnen Stunden vergriffen. Frahms langjähriger Freund und Filmemacher Benoit Toulemonde hielt die Abende an diesem geschichtsträchtigen Ort mit einem siebenköpfigen Kamerateam fest. Sowohl der Live-Mitschnitt auf dem entstandenen Album als auch der Film Tripping with Nils Frahm sind Dokumente von  Frahms vielfach gepriesenen Fähigkeiten als Komponist und passionierter Live-Musiker. Die besondere Stimmung und Atmosphäre seiner legendären Funkhaus-Shows wird grandios eingefangen. Der Konzertfilm Tripping with Nils Frahm ist auf der kuratierten Streaming-Plattform MUBI anzuschauen.

Sigur Rós – Odin’s Raven Magic

Auf die Ohren – Zwischen den Jahren

Mit dem 1. Advent beginnt die Weihnachtszeit. Es ist eine Zeit im Jahr, die man nutzen sollte, alles etwas langsamer anzugehen, um zur Besinnung zu zukommen. Sich bloß nicht in den Konsumwahn hinein zwingen lassen, der alljährlich zum Weihnachtsfest hin ausbricht. In diesem Jahr braucht man keine Geschenke, weil man die Verwandtenbesuche ohne schlechtes Gewissen ausfallen lassen kann, um den R-Wert zu senken. Man findet also die innere Ruhe, sich zurückzuziehen, den Kopfhörer aufzusetzen und gute Musik zu hören. Weil man Zeit und Muße hat, darf es ruhig etwas anspruchsvoller in Albumlänge sein. Genau dafür findet ihr bei “Auf die Ohren” ab sofort ein paar Vorschläge. Keine Angst, es ist keine Weihnachts-Compilation dabei.

Foto: Eva Vermandel

Die erste Empfehlung geht an die Isländer von Sigur Rós um den umtriebigen Frontmann Jónsi, die am Freitag mit „Odin’s Raven Magic“ ein neues Album veröffentlichen. Die Imagination von Island ist immer mit Mythologie der Edda, den altnordischen Götter- und Heldenlieder verbunden. Die nordische Mythologie ist zwar verbrannt, weil die Nazies sie zu ihrem Kult erhoben haben. Dennoch berührt sie als vorchristliche Kultur unsere Wurzeln. Man sollte sich mit ihr beschäftigen und sie nicht den rechten Spinnern überlassen, sei es auch nur, um zu verstehen, woher Tolkien die ganzen Vorlagen für seinen Herr der Ringe her hat. Es gibt eine Erzählungen in der Edda, denen man Bedeutung auch für die heutige Zeit zu messen kann. In „Hrafnagaldur Óðins“ (Odins Rabenmagie) schickt Göttervater Odin zwei Raben los, die Welt zu erkunden. Ihm schwant Böses. Die zurückgekehrte gefiederten Kundschafter haben auch keine guten Nachrichten. Bei einem Festmahl in Asengard , dem Götterwohnsitz, berichten sie von unheilvollen Zeichen, die das Ende der Welt, sowohl der Götter als auch der Menschen, ankündigen. Heute würden die Raben wohl nichts anderes berichten können. Hilmar Örn Hilmarsson, Islands Musiklegende und geweihter „Chef Goði“ der heidnischen nordischen Religion Ásatrúarfélagið, ist fasziniert von dieser Erzählung. Auch er schlägt die Brücke zur Gegenwart und sagt: ”Es ist ein sehr visuelles Gedicht mit Bildern über eine Welt, die von Norden nach Süden gefriert. Es war eine apokalyptische Warnung. Vielleicht fühlten es die Menschen der damaligen Zeit am eigenen Leib. Island befasst sich heute natürlich mit Umweltproblemen im Zusammenhang mit Wasserkraft und der Zerstörung des Hochlands. Wir werden wieder gewarnt.

Odins Raven Magic ist eine Zusammenarbeit zwischen Sigur Rós und Hilmar Örn Hilmarsson sowie Steindór Andersen, einem Fischer und einer von Islands angesehensten traditionellen Kantoren. Die Orchester- und Chorarrangements übernahmen Sigur Rós’ ehemaliges Mitglied und Arrangeur Kjartan Sveinsson und Maria Huld Markan Sigfúsdóttir von der Band amiina. Zu hören (und unten im Video zusehen)  ist auch eine einzigartige Marimba mit fünf Oktaven, die von dem Bildhauer Páll Guðmundsson aus grob behauenen Steinstücken gebaut wurde.

Das Werk Odins Raven Magic wurde 2002 für das Reykjavik Arts Festival konzipiert und nur wenige Male aufgeführt. Bislang gab es nur bruchstückhafte Aufnahmen. Mit der Veröffentlichung am 0410.2020 liegt erstmals eine Aufnahme des gesamten Werks vor. Es handelt sich um eine Live-Aufnahme der 70-minütigen Partitur aus der Grande Halle de la Villette in Paris.

Also ab aufs Sofa, CD einlegen oder streamen und nochmal anfangen, den Herr der Ringe zu lesen.

Punk- Veteran TV Smith veröffentlicht auf dem bandeigenen Plattenlabel der Toten Hosen sein neuestes Werk, „Lockdown Holiday“

Ein musikalisches Tagebuch im Lockdown

Wir schreiben das Jahr 1976. Tim Smith und Gaye Adverts,  die sich  in Devon an der Kunstschule kennengelernt haben, ziehen nach London. Sie sind begeistert von  Iggy Pop, The Velvet Underground, den New York Dolls und den Sex Pistols und der aufblühenden Punkszene in der britischen Hauptstadt. Zusammen mit dem Gitarristen Howard Pickup und dem Schlagzeuger Laurie Driver gründen sie die Punkband “The Adverts”. Gaye spielt Bass und Tim, der sich fortan TV Smith nennt, singt. Im August 1978 landen “The Adverts” mit “Gary Gilmore’s Eyes” ihren wohl größten Hit. Der Song handelte von einem  zum Tode verurteilten Mörder, der seine Netzhaut der Wissenschaft vermachte, sodass nach seinem Tod jemand anderes durch seine Augen blickte. Nachdem Manager Michael Dempsey an den Folgen eines Stromschlages verstirbt, löst sich die Band mit einem Abschiedskonzert am 27. Oktober 1979  auf. TV Smith allerdings hört nie auf, Konzerte zu spielen und Platten aufzunehmen.

„I was already in trouble when / They took me to one side and said / There is no job left here for you / I was already a victim of / A system weighed in favour of / The rich and privileged few / Doesn’t matter anyway / It’s a lockdown holiday“.

TV Smith

Zunächst hat er verschiedene Bands, seit den 1990er-Jahren ist er solo unterwegs und tritt nur mit Gitarre und einem Sequenzer auf. TV Smith spielt jährlich oft über 100 Konzerte in verschieden europäischen Ländern. Auch als Liedermacher mit sozialkritischer Poesie behält er die schnörkellose Energie des Punks bei. Seine Sichtweise ist die der Arbeiterklasse, der Unterprivilegierten und der vermeintlich Machtlosen. Er protestiert  gegen die Privilegierten und die Mächtigen.

Im Jahr 1991 nehmen “Die Toten Hosen”  ihr Album “Learning English Lesson One” auf. Dafür covern sie zusammen mit TV Smith den Adverts-Klassiker  “Gary Gilmore’s Eyes”. Es entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen dem britischen Punkveterranen und den Düsseldorfen, die über die Jahrzehnte hält. Hosen-Drummer Vom Ritchie tritt oft gemeinsam mit TV Smith auf, wenn dieser Konzerte in Deutschland spielt. Sein Album „Useless – The Very Best Of TV Smith“ spielte er 2001 gemeinsam mit den Hosen ein. So wundert es nicht, dass „Lockdown Holiday“ auf JKP, dem bandeigenen Plattenlabel der Toten Hosen erschienen ist.

Das Pandemie-Jahr 2020 wirbel alle guten Pläne durcheinander. Nach einigen umjubelten Shows in Deutschland und UK will TV Smith ab März mit den irischen Punkrock-Legenden Stiff Little Fingers touren. Im Sommer will er die Toten Hosen auf ihrer Akustiktour begleiten und damit in einigen der größten Arenen seiner Laufbahn spielen. Doch dann kommt Covid-19. Alle Konzerte in Europa werden abgesagt und als wäre das nicht schlimm genug, TV Smith infiziert sich mit dem Coronavirus . 

„I need distraction from myself / Cos I’ve been going through hell / It’s hard to see the funny side of life / When you’re feeling unwell / No taste or smell / Send in the clown / We need him now“.

TV Smith

Was fängt man in dieser Zeit mit seiner Zeit an? TV Smith  schreibt Song um Song, all seine Gedanken über das, was gerade  in und mit der Welt geschieht. Dabei entsteht keine Nabelschau eigener Befindlichkeiten.  So werden z. B. auch die katastrophalen Zustände im griechischen Flüchtlingslager Moria nicht vergessen.

„Meanwhile in some refugee camp / Without any water on tap / The world has turned its back / You can get sick just like that / We metaphorically wash our hands / Complain about the holiday plans / But if you simply accept it / You’re already infected“.

TV Smith

Im eigenen Homestudio, mitten im UK-Lockdown, entsteht das Album „Lockdown Holiday“. Mal nachdenklich, mal bitterböse, stets changierend zwischen Niedergeschlagenheit und Kampfgeist ist es im Grunde das  musikalische Tagebuch eines kritischen Zeitgenossen in einer historischen Situation. 

„Dass TV Smith die Zeit der Krise aus dem Stegreif in große Kunst übersetzt, zeigt einmal mehr seine unglaublichen Fähigkeiten als Texter. Für die Toten Hosen ist er seit vielen Jahren Freund und Vorbild. Ohne Leute wie ihn würde es uns als Band gar nicht geben. Wir sind stolz, sein neues Album auf unserer kleinen Plattenfirma zu veröffentlichen.“

Campino





NYLE – Where To Hide (EP)

Wenn es draußen regnerisch und kalt ist, so richtig usselig, wie wir in Westfalen sagen., dann gibt es nichts schöneres, als es sich zu hause gemütlich zu machen. Für die häusliche Gemütlichkeit haben die Skandinavier das Wort hygge, welches durch diverse Wohnzeitschriften ilangsam in unseren Sprachgebrauch einzieht. So richtig hyggelig wird es nicht nur mit der Kuscheldecke auf dem Sofa und den Kerzen auf dem Kaminsims, es gehört aus die passende Musik dazu. Die wird perfekt geliefert von NYLE  mit ihrer Debüt-EP „Where To Hide„. NYLE oder Elin Bell, wie sie bürgerlich heißt, kommt zwar nicht aus Skandinavien, sondern nahe dran, aus Hamburg, aber mit der Mischung aus skandinavische Melancholie und hoffnungsvoller Leichtigkeit geben die fünf Songs der Soundtrack für den usseligen Herbst da draußen und den hyggeligen Abend drinnen.

Hinter NYLE verbirgt sich die Hamburger Sängerin, Pianistin und Songwriterin Elin Bell, die nach jahrelanger Tätigkeit für andere Künstler (u.a. Lina Maly, Tim Bendzko, Miu, Tokunbo) zusammen mit dem Produzenten Fabio Niehaus (106Hz Studios Hamburg) auf die Suche nach ihrem eigenen Sound gegangen ist. Das sie ein Jazz-Studium absolviert hat, hört man ihrer wundervollen Musik an.

Die Kosmopolitin Hachiku bringt ihr Debütalbum „I’ll Probably Be Asleep“ raus

Bevor die in den USA geborene Anika Ostendorf zu Hachiku wurde, lebte sie mit ihrer Familie  im rheinischen Dansweiler, weil ihre Mutter in den Ford-Werken im nahen Köln arbeitete. Schon im zarten Alter von  sieben Jahren spielte sie in einer  Band und schrieb Songs. Während ihrer Studienzeit, die sie in London absolvierte, verbrachte sie ein Austauschjahr  in Melbourne/Australien. Ein Praktikum bei Milk! Records – dem lokalen Label, das durch Courtney Barnet weltberühmt wurde -, verhalf ihr zu Kontakten und Auftritten in der berühmten Musikszene der Stadt und letztlich zu  einem Plattenvertrag. So wurde aus Anika Ostendorf Hachiku, die 2017 ihre erste selbstbetitelte EP veröffentlichte. (Beitragsfoto: Marcelle Bradbeer)

Von Dansweiler nach Down Under

Nun erscheint mit „I’ll Probably Be Asleep“ Hachikus erste Platte in voller Länge, wobei sie sich offenbar nicht davon abschrecken lässt, dass die VÖ auf einen Freitag, den 13. fällt (VÖ 13.11.2020). Ich gehe mal davon aus, dass dies kein schlechtes Omen sein wird und Hachikus Dream-Pop jede Menge Fans auch auf dieser Seite der Erdkugel finden wird. Hachiku hat jedenfalls bei der DIY-Produktion alles richtig gemacht. „I’ll Probably Be Asleep“ ist soundtechnisch ein äußerst spannendes Album. In den insgesamt 8 Tracks begegnen uns  vielseitige Gitarrenklänge, klapprigen Drum-Machines und allerlei Samples, die  zu einem vielschichtigen Ambiente verwoben wurden. Bei jedem Anhören fallen andere Details auf. „Es ist wie ein großes Puzzle, das diese zufällig aufgenommenen Klänge zusammenfügt“, sagt Hachiku und betont, dass sie sich „eher als Produzentin denn als Songschreiberin“ verstehe. „I’ll Probably Be Asleep“ ist ein Album mit verträumten Stimmungen geworden, was nicht zuletzt durch Hachikus leise atmende Stimme gefördert wird.

Debütalbum erscheint am Freitag, den 13.

Thematisch verarbeitet Hachiku, was sie in ihrem jungen Leben erlebt und wie sie es emotional verarbeitet hat. Da gab es ja eine Menge, wie uns die Beschreibung ihres Lebenswegs zeigt. In „A Portrait Of The Artist As A Young Woman“ geht es um das Gefühl, seine Meinung ausdrücken zu wollen und nicht gehört zu werden. „Shark Attack“ behandelt Verlust und Trauer nach dem Tod von Ostendorfs Familienhund.

Immigrant Song

In Liedern wie dem Titelsong, „Dreams Of Galapagos“ und „You’ll Probably Think This Song Is About You“ geht es um die  Gefühle und Sehnsüchte , die man klassischerweise als zwanzigjähriger Mensch hat, wenn man seinen Platz in der Welt sucht. Konkret mit dem Platz in der Welt wurde es für Hachiku, als ihre Aufenthaltsgenehmigung noch in Bearbeitung war. Wenn sie Australien verlassen wollte, benötigte sie ein Bridging Visa B, um wieder einreisen zu dürfen. Plötzlich war für Hachiku die Beziehung zu ihrer Partnerin von einer bürokratischen Entscheidung der australischen Einwanderungsbehörde abhängig. Genau davon handelt der Song „Bridging Visa B“. Das Lied beginnt mit der Frage, die wohl jeder Immigrant auf der Welt ständig gestellt bekommt  „Where are you from?“

Mein Anspieltipps sind der packende Titel-Song, das traurige „Shark Attack“ und das gefühlvolle „A Portrait Of The Artist As A Young Woman“. „Bridging Visa B“ hat ein nettes Video im Stil von Lost World.

Die charismatische Newcomerin Ava Vegas veröffentlicht am 13.11.2020 ihr selbstbetiteltes Debüt-Album

Die Newcomerin Ava Vegas  wurde in der beschaulichen Universitätsstadt  Göttingen als Tochter eines Professors der Kulturwissenschaften geboren. Einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie im Haus ihrer Eltern auf Ibiza. Dies hatte wohl einen Einfluss auf ihren Künstlernamen gehabt zu haben. Denn auch die zerbrechlich wirkende und mit ihrer dunklen Stimme hervostechende  Sängerin Nico (alias Christa Päffgen) lebte zuletzt auf Ibiza. Nico verstab auf ibiza tragischerweise 1988 während einer Fahrradfahrt an einem Schlaganfall. Der Geist der dunklen Sängerin jedoch scheint in Avas Gesangstil eingezogen zu sein. So ist Vegas als Künstlername passenderweise dem gleichnamigen Nico-Stück entliehen. 

Glamour und Emotionen

Ava Vegas ist nach eigentlich nach Berlin gekommen, um Architektur zu studieren. In Anbetracht des vorliegenden Albums ist es jedoch ein großes Glück, dass sie sich wieder der Musik zugewandt hat. Die Grundlagen waren durch Gesangs-, Klavier, Ballett- und Schauspielunterricht bereits gelegt. In Berlin trifft man auch die richtigen Menschen, für meisterhafte Musikproduktionen. Im Falle von Ava ware es gleich fünf, nämlich Johannes Weber (Jungstötter, P.A. Hülsenbeck), Tim Roth (1k Flowers, Sin Maldita), Max Gruber (Drangsal), Tom Hessler (Fotos) und Arnar Guðjónsson (Warmland, Kaleo, Dream Wife) die an dem Album mitgewirkt haben. Das Debütalbum, das wie die Künstlerin heißt, ist eine groß angelegte Produktion, die Streichern, tiefen Bässen und swingenden Melodien. Ava Vegas gelingt es hierzulande eine Nische zu besetzen, die international von Sängerinnen wie Lana del Rey gehalten wird. Das für diese Art von Musik Bedarf besteht, zeigt etwa der Soundtrack von Berlin Babylon. Das gesamte Album verströmt Glamour ebenso wie Ava Vegas Erscheinung. Die Musik ist voller Emotionen, traurig wie ein gebrochenes Herz, bezaubernd wie ein Sonnenuntergang am Meer. Ava Vegas beherrscht ebenso das Chansoneske, wie einst die große Hildegard Knef und stellt sie mit den einzigen deutsch gesungenen Titel Mein Mann unter Beweis. Das Album ist Retro und mit den satten Bässe zugleich modern.

Das Album kommt am 13.11.2020. Vorab sind schon die Singles “The Bloom Is Off The Rose”, “More Tomorrow Than Yesterday” und “Mein Mann” erschienen.