Japanese Breakfast – Jubilee

Alben der Woche (Teil 2)

Auf ihren ersten beiden Alben setzte sich Michelle Zauner aka Japanese Breakfast  mit ihren Ängsten und ihrer Trauer auseinander. Das Debüt “Psychopomp“ entstand während der Krebsbehandlung von ihrer Mutter, während der epische Nachfolger “Soft Sounds From Another Planet“ den Verlust dieser verarbeitet. Das Ergebnis dieser Katharsis sollte die Heilung sein. Somit ist es kein Wunder, dass das dritte Album von Japanese Breakfast den Titel “Jubilee“ trägt. Zauner ist wieder bereit, das Leben und die Liebe zu feiern für ihr Glück zu kämpfen. Dazu zählt auch von den eigenen Gefühlen Abstand zu gewinnen und die Welt aus dem Blickwinkel anderer zu betrachten. Dabei nimmt Zauner im Stück “Savage Good Boy” die Sichtweise eines kapitalistisch orientierten Mannes ein. In “Posing In Bondage” stellt sich die Musikerin eine Frau vor, welche zurückgelassen in einem leeren Haus die Grenzlinien zwischen Häuslichkeit und Dominanz verschwimmen sieht, während sie für einen nicht mehr vorhanden Geliebten sing. “Kokomo, IN” wurde aus der Sicht eines jungen Mannes aus Indiana geschrieben, der sich gezwungen sieht, sich von seiner bald im Ausland studierenden Freundin zu verabschieden.

Anspieltipp: Gleich das erste Stück „Paprika“ jubelt mit starken Bläsersätzen.

Rostam – Changephobia

Alben der Woche (Teil 1)

Rostam scheut keine Veränderungen. Er war Gründungsmitglied von Vampire Weekend, hat die ersten drei Alben der New Yorker Band produziert und maßgeblich geprägt. Trotz des Erfolges hat er eigene musikalische Solopfade eingeschlagen , sowie als Produzent andere Künstler*innen unterstützt. Rostams international gefeiertes Debütalbum „Half-Light“ hat mit „Changephobia“ nun einen würdigen Nachfolger gefunden. In den letzten drei Jahren, in denen Rostam „Changephobia“ geschrieben und produziert hat , produzierte er auch Clairos hervorragendes Debütalbum Immunity und Haims Grammy-nominiertes Album „Women in Music Pt. III„.

Die Probleme Globalisierung und Klimawandel, Fragen der Identität und der Schutz von Minderheiten stehen weltweit auf der Prioritätenliste ganz oben. Lösungen erfordern Veränderungen im Denken und vor allem im Verhalten. „Changephobia“ beschreibt die Angst vor Veränderungen und möchte diese überwinden.  Rostam sagt: „Transphobie, Biphobie, Homophobie haben ein gefährliches Gewicht. Die Ängste wurzeln in der Angst vor Veränderungen, vor dem Unbekannten, vor einer Zukunft, die nicht so vertraut ist , in der sich jedochTraditionen, Definitionen und Machtverteilungen ändern. Dennoch: Veränderung ist gut. Mach mit. … Mir ging es beim Songwriting auch um Gender, da ich über Liebe und Verbindung schrieb, aber Beziehungen nicht in einen geschlechtsspezifischen Kontext stellen wollte.“

Bei „Changephobia“ zeigt Rostam eine neue Klangpalette , die vom Bebop der 1950er (mit Saxophon) und Neo-Psych der neunziger Jahre beeinflusst ist. Die Songs behandeln die globale Erwärmung („These Kids We Knew“), die Liebe („From the Back of a Cab“), Sex („Unfold You“) und das eindeutig amerikanische Phänomen der den Roadtrip („4Runner“).

Sphärischer Indie-Rock: Linn Koch-Emmerys Debüt „Being The Girl“:

Alben der Woche (Teil 2)

Spätestens seit ihrer 2018 erschienenen Debüt-EP „Waves“ gilt Linn Koch-Emmery als eines der spannendsten Talente des modernen Indie-Rock. Die Schwedin  mit deutsch-englischen Wurzeln wird in einem Atemzug mit Kolleginnen wie Wolf Alice, Dream Wife, Alvvays, Phoebe Bridgers, Warpaint, Snail Mail und  Sharon Van Etten genannt. Ihr Debütalbum nennt sie selbstbewusst  “Being the Girl”, weil es im Rockgeschäft das Alleinstellungsmerkmal ist, das Mädchen in der Band zu sein. (Fotos: Linn Koch-Emmery)

“Being the Girl” besteht aus  neun knackig kurzen Tracks von um die 3 Minuten-Länge, ein kurzes Intro und ein ebenso kurzes Interlude. Zu Gehör gebracht werden euphorischen Gitarren, vereint mit glänzenden Synthesizern und treibenden Beats, mit denen Linn Koch-Emmery ihre leicht träumerische Stimme umrahmt. “Hologram Love” markiert den Auftakt. Der Refrain ist wahnsinnig eingängig. Einmal gehört, summt man ihn den ganzen Tag. Von ähnlicher Qualität, was die Eingängigkeit angeht,  sind die Stücke “Dirty Words”, „Blow My Mind“ und “Hard to Love”. Das wunderbare, selbstironisch “LInn RIP” begeistert mit einem schimmernden, verträumten Indie-Pop-Sound. Eine Spur härter und schneller wird es bei “No Place for You”.

Sanfter und ruhiger geht es bei “Wake Up”zu. Das schönste Stück auf der Platte ist  für mich das nahezu psychedelische “Paralyzed”, welches unter die Haut geht. Rundherum liefert Linn Koch-Emmery ein abwechslungsreiches makellos produziertes Album ab, dass sich gut durchhören lässt. Man bedauert, dass nach 26 Minuten schon Schluss ist. Glücklicherweise nimmt der letzte Song ”Lasershot” zum Schluss die Akkorde des Intros des Albums wieder auf, sodass man nahtlos in Dauerschleife hören kann.

Mit dem wunderschönen Pop- Album „New Woman“ vertreibt Lùisa den Corona-Frust (VÖ 07.05.2021)

Alben der Woche (Teil 1)

Lùisa schöpft ihre  Kreativität aus ihrer Lebenserfahrung, die sie schon in jungen Jahren gesammelt hat. Fern der Heimat in einem Mädcheninternat leben zu müssen ist sicher nicht leicht, besonders wenn es am anderen Ende der Welt in Australien liegt. Weiter weg geht es nun nicht. Die Uniformierung ( im wahrsten Sinne) in einer solchen Einrichtung  und die Entfremdung schärften den Kampf um Selbstbestimmung.  Bei Lùisa reichte es, um zurück in Deutschland mit nur 17 Jahren von zuhause auszuziehen und zwei Jahre später in Hamburg als Songschreiberin ihren Weg zu gehen. Sie gibt Konzerte in Kneipen, aber auch auf großen Festivals und geht im Vorprogramm der australischen Band The Paper Kites auf Europatour. (Foto oben: Nikolai Dobreff)

Ich schreibe sehr persönlich und autobiografisch, hoffe aber, das auf eine allgemeingültige Ebene transferieren zu können”, sagt Lùisa. “Songs sollten letztlich immer auch von den Erfahrungen des Autors losgelöst funktionieren.” Und so vesinkt  ihre Musik auf “New Woman” nicht in der Depression, auch wenn es um Erfahrunge von um Verlust und Trauer geht ( bei “Late Summer Day” und bei  “To Let You Go”)  Bei Lùisa geht es nicht um die Krise selbst, sondern um den Weg aus ihr hinaus. Durch Lùisas Gefühl für Pop klingen ihre Songs, trotz gehaltvoller Thematiken, leicht und elegant. Mit einem  klar definierten Groove-Gerüsts aus Bass und Schlagzeug baut Lùisa mit Eighties-Synths und perlenden Gitarren eine warme Soundarchitektur. Man hört Einflüsse von Michael Jackson, Sade, Kate Bush und Talk Talk gehört, aber auch Gegenwartsmusik wie The War On Drugs, Christine & The Queens oder Haim. 

Der in meinen Ohren stärkste Track, was sich nach weiterem Durchhören des Albums aber noch ändern kann, ist der Titelsong “New Woman” . In der Empowerment-Hymne, singt Lùisa: “Change, breaking my cage, making mistakes, taking my stage/Feel like an new Woman today.”-und erzählt dabei von ihrer Rolle als Frau in der immer noch deutlich männlich dominierten Musikindustrie, in der Frauen auf sexistische Klischees wie “Mädchen mit der Gitarre”, “ liebliche Stimme«, “Muse”oder “zarte Fee” reduziert werden.

Die feministischen Bewegungen der letzten Jahre habe sie total bestärkt, über diese Dinge zu sprechen, sagt Lùisa. Es gehe z.B. um den Tontechniker, der sich nicht vorstellen könne, dass sie ihre Loops selbst programmiere.  Solchen Vorurteilen begegnet sie , weil sie eine Frau ist. Dabei  nahm sie ihr erstes Album: »One Youth Ago« 2012 komplett auf eigene Faust auf. Alle elf Songs von  “New Woman” stammen aus ihrer Feder. DIY-geschult führte sie Arrangements und Sounds, Grooves und Beats mittels der Software Ableton zusammen. Erst mit den weitgehend ausformulierten Demos zu »New Woman« ging sie zu Tobias Siebert (Klez.e, Kettcar, Enno Bunger u.a.) nach Berlin. Der Produzent verstand intuitiv ihren Ansatz , eine gewisse Eighties-Ästhetik mit ihren Singer- Songwriter-Roots und dem aktuellen Indie-Zeitgeist zu kombinieren., wie etwa in dem ansteckend schönen „Come Around“ zu hören ist.

Wer sich zwischen Homeoffice und Homeschooling oder anderen widrigen Umständen zerrieben und ausgebrannt fühlt, kann sich mit dem Song „Burn Out“ trösten. Da erinnert Lùisas im schönsten Eighties-Soundgewand mit ihrer dunklen, lebensgeschulten Stimme an die Wahrheit , dass man auch die schlimmen Dinge nur dann fühlen kann , wenn das Herz nicht eiskalt ist:

„You can only burn out when your heart is in flames“

Album der Woche

Danger Dan „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Mit der  Single „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ hat Danger Dan zuletzt für einige Furore gesorgt.  Natürlich kennen wir Danger Dan vor allem als Mitglied der Antilopen Gang. Auf seinem Soloalbum schwingt er  sich Danger Dan des Rap auf, obwohl es gar kein Rap-Album ist. Tatsächlich bringt er elf ergreifende, ironische, zynische und auf den Punkt treffende  Klavierballaden zu Gehör, die Comedian Harmonists-Chöre mit Hannes Wader, Antifaschismus mit Liebesliedern und kluge Zeitgeist-Diagnostik mit schwebenden Streichern vereinen. Erwähnenswert sind die Musikerinnen, deren Hilfe sich Danger Dan versicherte. Die Aufnahme fanden im Studio der befreundeten Musikerin Charlotte Brandi statt. Brandi ergänze einige Spuren auf dem Akkordeon, die Songschreiberin und Sängerin Mine komponierte und arrangierte die kitschfreien Streicher. 

Alben der Woche (Teil 2)

Die Ausnahmekünstlerin Alice Phoebe Lou veröffentlicht ihr drittes Album „Glow“

Aufgrund einiger Verbindungsprobleme mit dem Internet erfolgt der zweite Teil der Alben der Woche mit gehöriger Verspätung. Dafür verdient „Glow “ von Alice Phoebe Lou, einer Künstlerin die ich sehr mag, um so mehr Aufmersamkeit.(Beitragsfoto: Andrea Rojas)

Alice Phoebe Lou ist 1993 in Kommetjie, einem Ort an der Westküste der Kap-Halbinsel, südwestlich der Metropole Kapstadt geboren. Seit 2013 wohnt sie in der Berlin und verdiente ihren Unterhalt zunächst als Straßensängerin. Aufmerksamkeit bekam Alice Phoebe Lou schon für ihr Debütalbum „Orbit“ (2016). Richtig los ging es dann mit dem  zweiten Album „Paper Castles“ (2019). Es ist ein selbstgemachter Erfolg, ohne große Plattenfirma im Hintergrund. Im Mainstream einordnen lässt sich ihre Musik ohnehin nicht. Es folgten Tournee um den ganzen Globus und sie gab mehr als 100 Konzerte. Für die umtriebige Alice war Corona mit den Konzertabsagen und Reisebeschränkungen eine Vollbremsung. Im Lockdown entsteht das Album “Glow”, natürlich wieder eigenproduziert. Alice erzählt zur Entstehung: „Ich habe mehr Zeit alleine verbracht als jemals zuvor. Ich rasierte meinen Kopf. Hatte einen Ego-Tod. Verliebte mich. Mir wurde das Herz gebrochen. Ich war ein rohes kleines Durcheinander. Und darüber habe ich geschrieben.“

Man kann sich dem Charme der 12 Songs nicht entziehen. Es passt alles zusammen. Alice warmer Gesang und ihr exzellentes Gitarrenspiel, ungewöhnliche Instrumente, wie z.B. eine Klarinette, begleitet  von groovenden Bass und hypnotischen Pianoklängen ergeben eine flirrende Mischung aus Retrosound, Pop, Soul, Blues und Jazz. Als Glücksgriff erwies sich Ihre Entscheidung, in den Castles Studios in Dresden aufzunehmen, denn hier gab es das Equipment von alten Mikrofone bis zur analogen Bandmaschine, das es ermöglichte diesen speziellen warmen Sound zu erzeugen. Alice Phoebe Lou hat mit “Glow” ihren Status als Ausnahmekünstlerin bestärkt. 

Spotify-Stream

 

Tracklist “Glow”

  1. Only When I
  2. Glow
  3. Dusk
  4. Mothers Eyes
  5. How to Get Out of Love
  6. Heavy // Light as Air
  7. Dirty Mouth
  8. Lonely Crowd
  9. Lover // Over The Moon
  10. Driveby
  11. Velvet Mood
  12. Lovesick

Alben der Woche (Teil 1)

Middle Kids-Today We’re The Greatest

Australischer Indiefolk, klassische Hooklines und Refrains mit Ohrwurmcharakter. Schon mit Ihrem Debütalbum “Lost Friends” überzeugten die Middle Kids. Das Trio aus Sidney bestehend aus der Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin Hannah Joy, ihrem Ehemann, dem Bassisten Tim Fitz und dem Schlagzeuger Harry Day hat nun das Nachfolgealbum “Today We’re The Greatest“ herausgebracht. Middle Kids hat den 12 Stücke umfassenden Longplayer in Los Angeles mit Lars Stalfors aufgenommen, der auch  für Produktionen von St. Vincent und Soccer Mummy, verantwortlich zeichnete. Es ist ein abwechslungsreiches Werk geworden, mit schönen  Melodien von sanft gezupften Gitarren  bis zu rauhem, arenatauglichem Indie-Rock . Enthalten sind natürlich die bereits erschienenen Singles, also das rockigeR U 4 Me und das dicht arrangierte Questions mit dem explosiven  Bläsersatz  am Ende.

Hannah Joy hat mit ihrem Songwriting aber auch ein sehr persönliches Album geschaffen, voller Emotionen, Verletzlichkeit, gespeist aus eigenen Erfahrungen. So hört man zum Ende von Run With You den bei einer Ultraschalluntersuchung aufgenommenen Herzschlag ihres ungeborenen Kindes. Eine schöne Liebeserklärung an Tim Fitz  ist doch auch, das Bild, dass sie diejenige ist, die bei ihm bleibt und nach der Party die Stühle zusammen räumt, Stacking Chairs„.

Aus den persönlichen Erfahrungen, heraus betrachtet Hannah Joy das Leben als von Gegensätze, Zwischentönen und Kompromissen geprägt und erklärt  dies als ein bestimmendes Element ihrer Songs:“It can be easier to live dualistically, splitting the world in two. We want to be able say it’s this or it’s that, but sometimes it’s both — and can we hold both? Can we hold the brokenness? Can we hold the beauty? That has definitely been a defining bit of this album, the fragility in that dance.” Dies will sie mit ihren Hörern teilen: “I want to make music that loves its listener. Music that makes people feel seen, seen in the tiny little places that hide away in their hearts. I want people to hear our music, and feel a sense of love. And when I say love, it can be challenging, intense and tough. But it’s in the guts.”

Ich denke, dass  Middle Kids den selbst gestellten Anspruch erfüllen. Den schönsten Song, das titelgebende Stück haben sie an den Schluss des Album gesetzt. Der Refrain lautet:

Life is gory and boring sometimes
But today we're the greatest

Das kann man vielleicht sinngemäß so übersetzen: 

Das Leben ist mal mörderisch und mal öde, wir müssen beides akzeptieren und den Augenblick genießen. So gesehen, ein schönes Schlusswort-

June Cocó -Métamorphoses

Die erste  Idee war naheliegend. June Cocó singt französisch. Der Gesang,  das Klavierspiel und das Songwriting der  in Leipzig lebenden Künstlerin könnte auch von einer in Paris lebenden Chansonette stammen. June hat es getan und ein Lied in Französisch aufgenommen. Dazu hat sie „Métamorphoses“ des Pariser Electro-Pop Duos Ravages. gecovert. Dabei ist es ihr gelungen, den Popsong in ein Chanson zu verwandeln, wie es schöner auch nicht von Mylène Farmer interpretiert werden könnte. Ravages revanchieren sich , indem sie ihrem Hit  „Heavy Heart“ in einen Electro-Pop-Song im 80er Jahre-Sound verwandelten.

June Cocó teilt ein außergewöhnliches Re-Work ihres Erfolgsalbums „Fantasies & Fine Lines“

Nun kann man sich vorstellen, wie bei June die nachfolgende Idee entstanden ist, Songs ihres letztes Album Fantasies & Fine Lines von anderen Künstler*innen aus ihrem Freundeskreis regelrecht umwandeln zu lassen.So entstanden  gefühlvolle Songwriter-Balladen von Jake Nicks (Ready for Love) und  Max Ashner (Letter). Arden gab mit ihrer Harfe dem “Wasserlied” Neptune’s Daughter zusätzlichen Glitzer..  Die größten Verwandlungen erreichten die Produzenten Micronaut (Circles) und die Berliner-Techno-Instanz Phonique (Hope und Paradise zusammen mit Fairplay),  die ihren Remixen die  kühle Schönheit von  Electro-Tracks verliehen, die auch im Club funktionieren können.

Song-Metamorphosen

June Cocó hat ihr Album dann auch „Métamorphoses“ genannt. Ein Titel, der passender nicht sein könnte, denn es ist weder ein reines Cover-Album, noch eine Re-Work-Kollektion, sondern es ist  vielmehr eine Sammlung von acht außergewöhnlichen Song-Metamorphosen entstanden.

Alben der Woche (Teil 2)

Masha Qrella – Woanders

Als Mariana Kurella im Jahr 1975 in Ost-Berlin geboren wird, ist der Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch bereits 30 Jahre alt und steht kurz davor, per Ausreiseantrag in Folge einer Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann die DDR zu verlassen. Im Jahr darauf kehren er, seine damalige Freundin Katharina Thalbach und ihre Tochter der DDR den Rücken. In der alten BRD wurde Brasch für seine Filme (Der Passagier mit Tony Curtis)  und Theaterarbeiten gefeiert. Thomas Brasch starb 2001 an Herzversagen.

2001 spielte Masha Qrella, wie sich Marina als Künstlerin nennt, in verschiedenen Post-Punk-Bands und galt als Hoffnung der neuen Berliner Musikszene. Sie veröffentlichte ab 2002  mit ihrem unverkennbaren zauberhaften Gesang fünf Soloalben in englischer Sprache. 

„Wie soll ich Dir das beschreiben? Ich kann nicht tanzen. 
Ich warte nur. In einem Saal aus Stille. 
Hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr!“
aus "Geister"

„Woanders“ heißt nun das erste deutschsprachige Album von Masha Qrella, das am 19.02.2021 erschien. Der Tag der Veröffentlichung ist nicht zufällig gewählt, es wäre der 76. Geburtstag von Thomas Brasch gewesen, von dem alle Texte auf diesem Album stammen. Entdeckt hatte Masha ihn durch den Roman „Ab jetzt ist Ruhe“, den Thomas‘ Schwester Marion Brasch 2012 posthum veröffentlicht hatte. Masha Qrella beschloss aus diesen Gedichten Popsongs zu machen.Thomas Brasch hatte sich Zeit seines Lebens immer gewünscht, dass seine Lyrik vertont wird. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut sich seine Texte als Pop-Lyrics eignen. Aufgenommen wurde das Album gemeinsam mit der Berliner Schlagzeug-Legende Chris Imler und dem Multi-Instrumentalisten Andreas Bonkowski, die mit Masha gemeinsam den für sie so typischen Indie-Pop-Sound zwischen New Wave, Electronic und Postrock entworfen haben. Auf dem Album sind mit von der Partie: Dirk Von Lowtzow singt im Duett mit Masha „Meer“, mit Andreas Spechtl besingt sie die „Maschinen“, Tarwater performen in „Haut“ und den Song „Märchen“, bei dem sogar Marion Brasch einen Spoken-Word-Auftritt hat.

Alben der Woche (Teil 1)

Tash Sultana – Terra Firma

Als  Mensch will sich Tash Sultana (Bild: Giulia McGauran & Pat Fox) keiner Einordnung unterwerfen. Im englischen Pressetext anlässlich der Albumveröffentlichung heißt es, “Tash Sultana identifies as non-binary and prefers they/them pronouns”.  Nun gibt es in unserer Sprache solche eleganten Lösungen nicht, um die geschlechtsgebundenen Personalpronomen er/sie zu ersetzen. Um Tashs Wunsch zu respektieren, werde ich im folgenden Text immer nur den Vornamen verwenden.

Diversität spiegelt sich auch in der Musik von Tash Sultana. Neben der Gitarre, dem Hauptinstrument ihrer Kompositionen, beherrscht Tash noch unglaubliche zehn weitere Instrumente, alle selbst beigebracht, darunter Bass, verschiedene Flöten, Klavier, Mandoline, Mundharmonika, Saxophon, Trompete sowie noch einige Perkussionsinstrumente. Die mitreißenden Live-Auftritte als als „One Person Band“ haben  Tash über die Heimat Australien hinaus weltweit berühmt gemacht, schon bevor das Debütalbum “Flow State” herauskam. (Einen Eindruck von der gekonnten Loop-Technik verschafft Tashs Tiny Desk Concert bei NPR. ) Nach weltweiten Touren war es dann von Oktober 2019 bis Oktober 2020 Zeit für Selbstreflektion und kreativen Rückzug. In dieser Zeit entstand in nahezu 200 Tagen Produktionszeit das neue Album.“Terra Firma“ ist überwältigendes Patchwork aus Soul, Funk, R&B, Folk, Rock, Hiphop und allem, was man sich nur denken kann. Tash hat alles selbst aufgenommen, engineert, performt, arrangiert und produziert.

Das langersehnte Album „Terra Firma“ des australischen Gitarrenwunders ist jetzt da

Kostproben daraus, „Greed“ und „Pretty Lady“, wurden hier schon vorgestellt.Terra Firma ist aber auch eine Weiterentwicklung, die vom  Ein-Personen-Projekt zum Zusammenspiel mit anderen Musikern geht und so künftig auf der Bühne  neue Möglichkeiten eröffnet. Bei den Tracks  „Pretty Lady“, „Crop Circles“, „Beyond the Pine“ und „Greed“ hat Tash mit dem australischen Kollegen Matt Corby und dem neuseeländischen Produzenten Dann Hume (Courtney Barnett, Amy Shark) kollaboriert. „Willow Tree“ ist eine Zusammenarbeit mit Tashs High School-Freund Jerome Farah. Und an dem ätherischen, Gitarren-getriebenen Duett „Dream My Life Away“ hat schließlich Tashs enger Freund Josh Cashman mitgeschrieben.

Dies trägt Früchte für künftige Konzerte, denn Tash hat eine Live-Band zusammengestellt, um „Terra Firma“ auf der Bühne live darzubieten (wann immer das sicher möglich ist). „Die neue Live-Show ist alles, was sie bisher war, plus drei weitere Personen auf der Bühne für einen kleinen Teil der Show,“ verrät Tash. Im Herbst will Tash SultanaTerra Firma“ live im deutschsprachigen Raum auf die Bühnen bringen, falls die Corona-Pandemie es nicht verhindert.

Tash Sultana Live 2021:

28.08.21 Wiesbaden – Open Air im Kulturpark Schlachthof

01.09.21 AT-Wien – Arena Open Air

16.09.21 Dresden – Junge Garde

17.09.21 Berlin – Zitadelle

22.09.21 Hamburg – Reeperbahn Festival

24.09.21 Köln – Tanzbrunnen

26.09.21 München – Olympiahalle

Anspieltipp: „Let The Light In“  , das der Verlobten gewidmete friedvolle Liebeslied .