Alben der Woche (Teil 2)

Die Ausnahmekünstlerin Alice Phoebe Lou veröffentlicht ihr drittes Album „Glow“

Aufgrund einiger Verbindungsprobleme mit dem Internet erfolgt der zweite Teil der Alben der Woche mit gehöriger Verspätung. Dafür verdient „Glow “ von Alice Phoebe Lou, einer Künstlerin die ich sehr mag, um so mehr Aufmersamkeit.(Beitragsfoto: Andrea Rojas)

Alice Phoebe Lou ist 1993 in Kommetjie, einem Ort an der Westküste der Kap-Halbinsel, südwestlich der Metropole Kapstadt geboren. Seit 2013 wohnt sie in der Berlin und verdiente ihren Unterhalt zunächst als Straßensängerin. Aufmerksamkeit bekam Alice Phoebe Lou schon für ihr Debütalbum „Orbit“ (2016). Richtig los ging es dann mit dem  zweiten Album „Paper Castles“ (2019). Es ist ein selbstgemachter Erfolg, ohne große Plattenfirma im Hintergrund. Im Mainstream einordnen lässt sich ihre Musik ohnehin nicht. Es folgten Tournee um den ganzen Globus und sie gab mehr als 100 Konzerte. Für die umtriebige Alice war Corona mit den Konzertabsagen und Reisebeschränkungen eine Vollbremsung. Im Lockdown entsteht das Album “Glow”, natürlich wieder eigenproduziert. Alice erzählt zur Entstehung: „Ich habe mehr Zeit alleine verbracht als jemals zuvor. Ich rasierte meinen Kopf. Hatte einen Ego-Tod. Verliebte mich. Mir wurde das Herz gebrochen. Ich war ein rohes kleines Durcheinander. Und darüber habe ich geschrieben.“

Man kann sich dem Charme der 12 Songs nicht entziehen. Es passt alles zusammen. Alice warmer Gesang und ihr exzellentes Gitarrenspiel, ungewöhnliche Instrumente, wie z.B. eine Klarinette, begleitet  von groovenden Bass und hypnotischen Pianoklängen ergeben eine flirrende Mischung aus Retrosound, Pop, Soul, Blues und Jazz. Als Glücksgriff erwies sich Ihre Entscheidung, in den Castles Studios in Dresden aufzunehmen, denn hier gab es das Equipment von alten Mikrofone bis zur analogen Bandmaschine, das es ermöglichte diesen speziellen warmen Sound zu erzeugen. Alice Phoebe Lou hat mit “Glow” ihren Status als Ausnahmekünstlerin bestärkt. 

Spotify-Stream

 

Tracklist “Glow”

  1. Only When I
  2. Glow
  3. Dusk
  4. Mothers Eyes
  5. How to Get Out of Love
  6. Heavy // Light as Air
  7. Dirty Mouth
  8. Lonely Crowd
  9. Lover // Over The Moon
  10. Driveby
  11. Velvet Mood
  12. Lovesick

Alben der Woche (Teil 1)

Middle Kids-Today We’re The Greatest

Australischer Indiefolk, klassische Hooklines und Refrains mit Ohrwurmcharakter. Schon mit Ihrem Debütalbum “Lost Friends” überzeugten die Middle Kids. Das Trio aus Sidney bestehend aus der Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin Hannah Joy, ihrem Ehemann, dem Bassisten Tim Fitz und dem Schlagzeuger Harry Day hat nun das Nachfolgealbum “Today We’re The Greatest“ herausgebracht. Middle Kids hat den 12 Stücke umfassenden Longplayer in Los Angeles mit Lars Stalfors aufgenommen, der auch  für Produktionen von St. Vincent und Soccer Mummy, verantwortlich zeichnete. Es ist ein abwechslungsreiches Werk geworden, mit schönen  Melodien von sanft gezupften Gitarren  bis zu rauhem, arenatauglichem Indie-Rock . Enthalten sind natürlich die bereits erschienenen Singles, also das rockigeR U 4 Me und das dicht arrangierte Questions mit dem explosiven  Bläsersatz  am Ende.

Hannah Joy hat mit ihrem Songwriting aber auch ein sehr persönliches Album geschaffen, voller Emotionen, Verletzlichkeit, gespeist aus eigenen Erfahrungen. So hört man zum Ende von Run With You den bei einer Ultraschalluntersuchung aufgenommenen Herzschlag ihres ungeborenen Kindes. Eine schöne Liebeserklärung an Tim Fitz  ist doch auch, das Bild, dass sie diejenige ist, die bei ihm bleibt und nach der Party die Stühle zusammen räumt, Stacking Chairs„.

Aus den persönlichen Erfahrungen, heraus betrachtet Hannah Joy das Leben als von Gegensätze, Zwischentönen und Kompromissen geprägt und erklärt  dies als ein bestimmendes Element ihrer Songs:“It can be easier to live dualistically, splitting the world in two. We want to be able say it’s this or it’s that, but sometimes it’s both — and can we hold both? Can we hold the brokenness? Can we hold the beauty? That has definitely been a defining bit of this album, the fragility in that dance.” Dies will sie mit ihren Hörern teilen: “I want to make music that loves its listener. Music that makes people feel seen, seen in the tiny little places that hide away in their hearts. I want people to hear our music, and feel a sense of love. And when I say love, it can be challenging, intense and tough. But it’s in the guts.”

Ich denke, dass  Middle Kids den selbst gestellten Anspruch erfüllen. Den schönsten Song, das titelgebende Stück haben sie an den Schluss des Album gesetzt. Der Refrain lautet:

Life is gory and boring sometimes
But today we're the greatest

Das kann man vielleicht sinngemäß so übersetzen: 

Das Leben ist mal mörderisch und mal öde, wir müssen beides akzeptieren und den Augenblick genießen. So gesehen, ein schönes Schlusswort-

June Cocó -Métamorphoses

Die erste  Idee war naheliegend. June Cocó singt französisch. Der Gesang,  das Klavierspiel und das Songwriting der  in Leipzig lebenden Künstlerin könnte auch von einer in Paris lebenden Chansonette stammen. June hat es getan und ein Lied in Französisch aufgenommen. Dazu hat sie „Métamorphoses“ des Pariser Electro-Pop Duos Ravages. gecovert. Dabei ist es ihr gelungen, den Popsong in ein Chanson zu verwandeln, wie es schöner auch nicht von Mylène Farmer interpretiert werden könnte. Ravages revanchieren sich , indem sie ihrem Hit  „Heavy Heart“ in einen Electro-Pop-Song im 80er Jahre-Sound verwandelten.

June Cocó teilt ein außergewöhnliches Re-Work ihres Erfolgsalbums „Fantasies & Fine Lines“

Nun kann man sich vorstellen, wie bei June die nachfolgende Idee entstanden ist, Songs ihres letztes Album Fantasies & Fine Lines von anderen Künstler*innen aus ihrem Freundeskreis regelrecht umwandeln zu lassen.So entstanden  gefühlvolle Songwriter-Balladen von Jake Nicks (Ready for Love) und  Max Ashner (Letter). Arden gab mit ihrer Harfe dem “Wasserlied” Neptune’s Daughter zusätzlichen Glitzer..  Die größten Verwandlungen erreichten die Produzenten Micronaut (Circles) und die Berliner-Techno-Instanz Phonique (Hope und Paradise zusammen mit Fairplay),  die ihren Remixen die  kühle Schönheit von  Electro-Tracks verliehen, die auch im Club funktionieren können.

Song-Metamorphosen

June Cocó hat ihr Album dann auch „Métamorphoses“ genannt. Ein Titel, der passender nicht sein könnte, denn es ist weder ein reines Cover-Album, noch eine Re-Work-Kollektion, sondern es ist  vielmehr eine Sammlung von acht außergewöhnlichen Song-Metamorphosen entstanden.

Alben der Woche (Teil 2)

Masha Qrella – Woanders

Als Mariana Kurella im Jahr 1975 in Ost-Berlin geboren wird, ist der Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch bereits 30 Jahre alt und steht kurz davor, per Ausreiseantrag in Folge einer Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann die DDR zu verlassen. Im Jahr darauf kehren er, seine damalige Freundin Katharina Thalbach und ihre Tochter der DDR den Rücken. In der alten BRD wurde Brasch für seine Filme (Der Passagier mit Tony Curtis)  und Theaterarbeiten gefeiert. Thomas Brasch starb 2001 an Herzversagen.

2001 spielte Masha Qrella, wie sich Marina als Künstlerin nennt, in verschiedenen Post-Punk-Bands und galt als Hoffnung der neuen Berliner Musikszene. Sie veröffentlichte ab 2002  mit ihrem unverkennbaren zauberhaften Gesang fünf Soloalben in englischer Sprache. 

„Wie soll ich Dir das beschreiben? Ich kann nicht tanzen. 
Ich warte nur. In einem Saal aus Stille. 
Hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr!“
aus "Geister"

„Woanders“ heißt nun das erste deutschsprachige Album von Masha Qrella, das am 19.02.2021 erschien. Der Tag der Veröffentlichung ist nicht zufällig gewählt, es wäre der 76. Geburtstag von Thomas Brasch gewesen, von dem alle Texte auf diesem Album stammen. Entdeckt hatte Masha ihn durch den Roman „Ab jetzt ist Ruhe“, den Thomas‘ Schwester Marion Brasch 2012 posthum veröffentlicht hatte. Masha Qrella beschloss aus diesen Gedichten Popsongs zu machen.Thomas Brasch hatte sich Zeit seines Lebens immer gewünscht, dass seine Lyrik vertont wird. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut sich seine Texte als Pop-Lyrics eignen. Aufgenommen wurde das Album gemeinsam mit der Berliner Schlagzeug-Legende Chris Imler und dem Multi-Instrumentalisten Andreas Bonkowski, die mit Masha gemeinsam den für sie so typischen Indie-Pop-Sound zwischen New Wave, Electronic und Postrock entworfen haben. Auf dem Album sind mit von der Partie: Dirk Von Lowtzow singt im Duett mit Masha „Meer“, mit Andreas Spechtl besingt sie die „Maschinen“, Tarwater performen in „Haut“ und den Song „Märchen“, bei dem sogar Marion Brasch einen Spoken-Word-Auftritt hat.

Alben der Woche (Teil 1)

Tash Sultana – Terra Firma

Als  Mensch will sich Tash Sultana (Bild: Giulia McGauran & Pat Fox) keiner Einordnung unterwerfen. Im englischen Pressetext anlässlich der Albumveröffentlichung heißt es, “Tash Sultana identifies as non-binary and prefers they/them pronouns”.  Nun gibt es in unserer Sprache solche eleganten Lösungen nicht, um die geschlechtsgebundenen Personalpronomen er/sie zu ersetzen. Um Tashs Wunsch zu respektieren, werde ich im folgenden Text immer nur den Vornamen verwenden.

Diversität spiegelt sich auch in der Musik von Tash Sultana. Neben der Gitarre, dem Hauptinstrument ihrer Kompositionen, beherrscht Tash noch unglaubliche zehn weitere Instrumente, alle selbst beigebracht, darunter Bass, verschiedene Flöten, Klavier, Mandoline, Mundharmonika, Saxophon, Trompete sowie noch einige Perkussionsinstrumente. Die mitreißenden Live-Auftritte als als „One Person Band“ haben  Tash über die Heimat Australien hinaus weltweit berühmt gemacht, schon bevor das Debütalbum “Flow State” herauskam. (Einen Eindruck von der gekonnten Loop-Technik verschafft Tashs Tiny Desk Concert bei NPR. ) Nach weltweiten Touren war es dann von Oktober 2019 bis Oktober 2020 Zeit für Selbstreflektion und kreativen Rückzug. In dieser Zeit entstand in nahezu 200 Tagen Produktionszeit das neue Album.“Terra Firma“ ist überwältigendes Patchwork aus Soul, Funk, R&B, Folk, Rock, Hiphop und allem, was man sich nur denken kann. Tash hat alles selbst aufgenommen, engineert, performt, arrangiert und produziert.

Das langersehnte Album „Terra Firma“ des australischen Gitarrenwunders ist jetzt da

Kostproben daraus, „Greed“ und „Pretty Lady“, wurden hier schon vorgestellt.Terra Firma ist aber auch eine Weiterentwicklung, die vom  Ein-Personen-Projekt zum Zusammenspiel mit anderen Musikern geht und so künftig auf der Bühne  neue Möglichkeiten eröffnet. Bei den Tracks  „Pretty Lady“, „Crop Circles“, „Beyond the Pine“ und „Greed“ hat Tash mit dem australischen Kollegen Matt Corby und dem neuseeländischen Produzenten Dann Hume (Courtney Barnett, Amy Shark) kollaboriert. „Willow Tree“ ist eine Zusammenarbeit mit Tashs High School-Freund Jerome Farah. Und an dem ätherischen, Gitarren-getriebenen Duett „Dream My Life Away“ hat schließlich Tashs enger Freund Josh Cashman mitgeschrieben.

Dies trägt Früchte für künftige Konzerte, denn Tash hat eine Live-Band zusammengestellt, um „Terra Firma“ auf der Bühne live darzubieten (wann immer das sicher möglich ist). „Die neue Live-Show ist alles, was sie bisher war, plus drei weitere Personen auf der Bühne für einen kleinen Teil der Show,“ verrät Tash. Im Herbst will Tash SultanaTerra Firma“ live im deutschsprachigen Raum auf die Bühnen bringen, falls die Corona-Pandemie es nicht verhindert.

Tash Sultana Live 2021:

28.08.21 Wiesbaden – Open Air im Kulturpark Schlachthof

01.09.21 AT-Wien – Arena Open Air

16.09.21 Dresden – Junge Garde

17.09.21 Berlin – Zitadelle

22.09.21 Hamburg – Reeperbahn Festival

24.09.21 Köln – Tanzbrunnen

26.09.21 München – Olympiahalle

Anspieltipp: „Let The Light In“  , das der Verlobten gewidmete friedvolle Liebeslied .

Album der Woche: Steiner & Madlainer “Wünsch mir Glück”

In Beverungen, am Dreiländereck NRW-Niedersachsen-Hessen im Osten von Nordrhein-Westfalen, hat man einen besonders guten Geschmack. Nicht dass sich die Menschen dort in der Kleinstadt besonders modisch kleiden. Vielleicht ist es so, darauf will ich aber gar nicht hinaus. Vielmehr geht es darum, dass in Beverungen das Label Glitterhouse Records beheimatete ist, die solche Acts wie “DIE NERVEN” und “all diese Gewalt” (das Soloprojekt von Max Rieger) unter Vertrag haben. Glitterhouse  Records hat, auch das ist ein Zeichen für exzellenten musikalischen Geschmack,  seit ihrem Debüt „Cheers“  das Schweizer Songwriterinnenduo Nora Steiner und  Madlaina Pollina gesignt (Foto oben: Tim Wettstein). An diesem Wochenende ist das zweite Album  „Wünsch mir Glück“ von Steiner & Madlainer aufgrund coronabedingter Lieferverzögerung im Presswerk mit zweiwöchiger Verspätung nun draußen. Nora und Madlainer schreiben ihre Songtexte zwar jeweils alleine. Aber gerade zu diesem Album sagt Nora: „Wir haben diesmal viel über die Texte und die Themen diskutiert während des Schreibprozesses.“

Und so sind  11 Tracks entstanden, die die Welt sehr persönlich und sehr empathisch aus der Sicht zweier junger Frauen beschreiben.

Wer Augen hat / Hat Augen gemacht / Als gestern Nacht / Die Welt gekracht / Hat leise geweint / Weil er weiß, was das heißt / Dass die heutige Zeit / Die Menschheit entzweit,

singen sie z.B. über die Polarisierung und Spaltung der Gesellschaften im Song „Heile Welt“ und treffen den Nerv der Zeit.

Steiner & Madlainer bewiesen mit “Wünsch mir Glück”, dass sie  in Punkto Songwriting, Gitarrenspiel und Gesang alles beherrschen. Und wenn das mal wieder von männlicher Seite angezweifelt wird,  verarbeiten sie auch auch dieses Thema zu einem Song.

Alben der Woche

An diesem Wochenende sind zwei großartige Alben erschienen. Das Album Jäger von Dagobert warfür mich eine Entdeckung. Auf das Debüt von Celeste habe ich mich schon länger gefreut.

1. Celeste – Not Your Muse

Das ganze Jahr 2020 über hat uns die britisch-jamaikanische Sängerin Celeste durch erstklassige Singles neugierig auf ihr Debütalbum gemacht. Und nun ist Not Your Muse endlich erschienen. Celeste berichtete, wenn sie als Kind in Großvaters altem Jaguar mitgefahren sei, habe dieser auf Replay seine Kassetten von Aretha Franklin und Ella Fitzgerald abgehört. Der Einfluss der alten Jazz- und Soul-Klassiker ist dann auch bei Celeste unüberhörbar. Ihr Soul-Pop klingt nach einer längst vergangenen goldenen Ära. Das ist aber in keinster Weise ein Manko, weil diese Art der Musik einfach zeitlos ist. Celeste bringt es fertig, ihre Stimme rauchig und samtig  und andermal glockenrein klingen zu lassen. Dabei kommen ihr Downtempo-Songs besonders entgegen. Auf dem Sage und Schreibe 21 Songs umfassenden Album variiert Celeste das Tempo und auch schnellere Stücke wie “Tonight Tonight” und “Stop this Flame” (Anspieltipp) kommen zum Zuge.

Mein Anspieltipp “Strange” verursacht regelmäßig Gänsehaut, ebenso “Hear My Voice”. Der letztgenannte Song zeigt, dass Celeste gesanglich nicht hinter Adele zurücksteht. Aufgrund des von Celeste dargebotenen Retro-Souls wird sie gern mit Amy Winehouse verglichen (stimmt bei “Love Is Back”). Sie wurde schon als die neue  Adele oder sogar als Nachfolgerin von Aretha Franklin bezeichnet. Festzuhalten ist das „Not Your Muse“ allemal als beeindruckendes Debütalbum daherkommt. Ich wünsche Celeste, das die Presse und die Blogs, die sie zur Zeit in höchsten Tönen loben, sie nicht beim nächsten Album genauso schnell runter schreiben.

2. Daobert – Jäger

Dagobert (Foto: Regina Olev) ist er eigentlich bekannt für schmalzig-melancholische Herzschmerz-Balladen. Die Stimmung auf seinem neuen, vierten Album „Jäger“ ist überwiegend positiv bis geradezu  absurd glücklich wie der Track „Ich Will Noch Mal“ in reinster Metaphysik zeigt, eine Ode an das Leben und die Wiedergeburt. Das Album konfrontiert uns mit morbiden Zukunftsvisionen (2070), extremst möglichem Fernweh (Aldebaran) und kybernetischen Liebesfantasien (Nie wieder arbeiten). Jedoch sollte man sich von den eingängigen, oftmals mitreißenden Melodien nicht täuschen lassen, Das findet man ja im  deutschen Schlager auch. Der Mehrwert bei Dagobert sind die präzise gesetzten Texte, die an manchen Stellen philosophische Tiefe entwickeln. 

Die Mehrdeutigkeit, mit der Dagobert arbeitet zeigten der Titelsong und das Video Jäger.  Sie verweisen auf die  Umgebung, in der das Album entstanden ist, nämlich in den Schweizer Bergen mit ihren Wäldern, wo man noch jagend durch die Landschaft streift. Es ist gleichzeitig ein sehr persönlicher Song über sich und seine Familie. Dagobert heißt mit Klarnamen Lukas Jäger. 

Punk- Veteran TV Smith veröffentlicht auf dem bandeigenen Plattenlabel der Toten Hosen sein neuestes Werk, „Lockdown Holiday“

Ein musikalisches Tagebuch im Lockdown

Wir schreiben das Jahr 1976. Tim Smith und Gaye Adverts,  die sich  in Devon an der Kunstschule kennengelernt haben, ziehen nach London. Sie sind begeistert von  Iggy Pop, The Velvet Underground, den New York Dolls und den Sex Pistols und der aufblühenden Punkszene in der britischen Hauptstadt. Zusammen mit dem Gitarristen Howard Pickup und dem Schlagzeuger Laurie Driver gründen sie die Punkband “The Adverts”. Gaye spielt Bass und Tim, der sich fortan TV Smith nennt, singt. Im August 1978 landen “The Adverts” mit “Gary Gilmore’s Eyes” ihren wohl größten Hit. Der Song handelte von einem  zum Tode verurteilten Mörder, der seine Netzhaut der Wissenschaft vermachte, sodass nach seinem Tod jemand anderes durch seine Augen blickte. Nachdem Manager Michael Dempsey an den Folgen eines Stromschlages verstirbt, löst sich die Band mit einem Abschiedskonzert am 27. Oktober 1979  auf. TV Smith allerdings hört nie auf, Konzerte zu spielen und Platten aufzunehmen.

„I was already in trouble when / They took me to one side and said / There is no job left here for you / I was already a victim of / A system weighed in favour of / The rich and privileged few / Doesn’t matter anyway / It’s a lockdown holiday“.

TV Smith

Zunächst hat er verschiedene Bands, seit den 1990er-Jahren ist er solo unterwegs und tritt nur mit Gitarre und einem Sequenzer auf. TV Smith spielt jährlich oft über 100 Konzerte in verschieden europäischen Ländern. Auch als Liedermacher mit sozialkritischer Poesie behält er die schnörkellose Energie des Punks bei. Seine Sichtweise ist die der Arbeiterklasse, der Unterprivilegierten und der vermeintlich Machtlosen. Er protestiert  gegen die Privilegierten und die Mächtigen.

Im Jahr 1991 nehmen “Die Toten Hosen”  ihr Album “Learning English Lesson One” auf. Dafür covern sie zusammen mit TV Smith den Adverts-Klassiker  “Gary Gilmore’s Eyes”. Es entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen dem britischen Punkveterranen und den Düsseldorfen, die über die Jahrzehnte hält. Hosen-Drummer Vom Ritchie tritt oft gemeinsam mit TV Smith auf, wenn dieser Konzerte in Deutschland spielt. Sein Album „Useless – The Very Best Of TV Smith“ spielte er 2001 gemeinsam mit den Hosen ein. So wundert es nicht, dass „Lockdown Holiday“ auf JKP, dem bandeigenen Plattenlabel der Toten Hosen erschienen ist.

Das Pandemie-Jahr 2020 wirbel alle guten Pläne durcheinander. Nach einigen umjubelten Shows in Deutschland und UK will TV Smith ab März mit den irischen Punkrock-Legenden Stiff Little Fingers touren. Im Sommer will er die Toten Hosen auf ihrer Akustiktour begleiten und damit in einigen der größten Arenen seiner Laufbahn spielen. Doch dann kommt Covid-19. Alle Konzerte in Europa werden abgesagt und als wäre das nicht schlimm genug, TV Smith infiziert sich mit dem Coronavirus . 

„I need distraction from myself / Cos I’ve been going through hell / It’s hard to see the funny side of life / When you’re feeling unwell / No taste or smell / Send in the clown / We need him now“.

TV Smith

Was fängt man in dieser Zeit mit seiner Zeit an? TV Smith  schreibt Song um Song, all seine Gedanken über das, was gerade  in und mit der Welt geschieht. Dabei entsteht keine Nabelschau eigener Befindlichkeiten.  So werden z. B. auch die katastrophalen Zustände im griechischen Flüchtlingslager Moria nicht vergessen.

„Meanwhile in some refugee camp / Without any water on tap / The world has turned its back / You can get sick just like that / We metaphorically wash our hands / Complain about the holiday plans / But if you simply accept it / You’re already infected“.

TV Smith

Im eigenen Homestudio, mitten im UK-Lockdown, entsteht das Album „Lockdown Holiday“. Mal nachdenklich, mal bitterböse, stets changierend zwischen Niedergeschlagenheit und Kampfgeist ist es im Grunde das  musikalische Tagebuch eines kritischen Zeitgenossen in einer historischen Situation. 

„Dass TV Smith die Zeit der Krise aus dem Stegreif in große Kunst übersetzt, zeigt einmal mehr seine unglaublichen Fähigkeiten als Texter. Für die Toten Hosen ist er seit vielen Jahren Freund und Vorbild. Ohne Leute wie ihn würde es uns als Band gar nicht geben. Wir sind stolz, sein neues Album auf unserer kleinen Plattenfirma zu veröffentlichen.“

Campino





ANNENMAYKANTEREIT – 12

Das überraschend am 17.11. 2020 erschienene Album  “12” habe ich zu einem Album der Woche gekürt, weil es so ehrlich die Gedanken und Gefühle der Band rüberbringt. Zwar werden wir alle durch Covid 19 in unserem normalen Leben ausgebremst, die einen mehr und die anderen weniger. Musiker und Kulturschaffende trifft es viel mehr. AnnenMayKanterei konnte, wie alle anderen Musiker, ihre geplanten Tourneen und Konzerte knicken. Sie haben das beste  daraus gemacht, indem sie die Zeit für das neue Album genutzt haben, ist eine abgedroschene Phrase, die nicht passen will. Im Lockdown, mit Kontaktverboten, laufen auch die Aufnahmen für ein Album nicht normal. Es geht per Video-Call, per Telefon, per Mail und in Chatverläufen. 

“Christopher war im Proberaum, Severin im spontan aufgebauten Homestudio und ich hatte die Gelegenheit, an einem desinfizierten Klavier zu arbeiten. Inklusive Markus Ganter (unserem Produzenten) hinter einer Glasscheibe. Wir haben uns eigentlich je- den Tag zu Ideen ausgetauscht, neue Elemente diskutiert, Anhänge weitergeleitet und darüber gesprochen, wo das unfertige Lied hinwill.“ berichtet Henning May über die Entstehung.

Es ist ein ehrliches Album geworden, mit 16 ganz neuen Stücken. Es ist auch zornig und düster. Geld kann plötzlich locker gemacht werden, heißt es da, dennoch müssen Kneipen und Theater vielleicht für immer schließen und dass die Zelte in Moria brannten, war nicht mehr wichtig.  (Anspieltipp: Gegenwart)

Die Düsternis wir durch die ungeschliffene Produktion unterstrichen. 

“Wir haben uns oft für die Momente entschieden,” erzählt Henning, “für die spontanen  Handy-Aufnahmen, für die Versprecher, das Räuspern, das Vogelzwitschern oder knarzende Klavierstühle.”  (Anspieltipp: Zukunft)

Es ist nicht mehr 5 vor 12, sondern schon “12” ist das Gefühl, das durch Album vermitteln werden  soll. 

Es ist ein Konzeptalbum und die Reihenfolge der Songs ist der Band wichtig, sagt Henning May “Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist. Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss.“

Strawberry Pills – Das angesagte Gothic -Duo aus Griechenland veröffentlicht sein Debütalbum „Murder to a Beat“

Strawberry Pills bestehend Valisa Odell und Antonis Konstantaras sind derzeit das heißeste „Dark“ -Duo in Griechenland. Ihr Debütalbum „Murder to a Beat“ haben sie gerade veröffentlicht. Ihre gothy Synth- Klänge sind die hauptsächlich vom Minimal- Sound der 80er Jahre und dem Post-Punk inspiriert. Thematisch dreht sich „Murder to a Beat“ um sozialen Themen aus dem  Alltag in Athen, auch um die gewalttätigen Wendungen, die die Liebe nehmen kann. Es könnte der perfekten Soundtrack für einen Film Noir oder einen Krimi sein. Zu den dunklen Klängen passt die tiefe Gesangsstimme von Valisa, die mich ein wenig an Balbina erinnert. (Beitragsfoto: Aris Athanatos). 

Bei Anruf Mord

Valisa und Antonis beschreiben ihr Album in eigenen Worten so: 

„Murder Τo Α Beat ist wie eine zeitgenössische Audio- und Krimi-Anthologie. Jeder Track spielt in seinem eigenen dunklen, rätselhaften und zynischen Universum. Nichts ist so, wie es scheint. Für uns ist Strawberry Pills ein facettenreiches Projekt mit einem klaren, minimalen und beherrschenden Ansatz sowohl in der Musik als auch in der Ästhetik. Irgendwie schaffen wir es, unsere eigene faszinierende Welt mit einer eigenen visuellen und musikalischen Landschaft zu konstruieren. Murder To A Beat ist wie ein Telefon und sein unaufhörliches Klingeln im Dunkeln. Eine echte Bedrohung. Spannung und Gefahr liegt in der Luft. „