Wallis Bird – Hands

Album VÖ 27.05.2022

Der amerikanische Neurologe Frank R. Wilson sagt, es sei „höchst irreführend und unfruchtbar, die die funktionelle Wechselbeziehung von Handbewegung und Hirnaktivität, die historischen Ursprünge dieser Beziehung oder ihren Einfluss auf die Entwicklungsdynamik des modernen Menschen außer acht lässt“

(Frank R. Wilson, Die Hand – Geniestreich der Evolution -Ihr Einfluss auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen)

Ähnliche Gedanken hatte wohl die in Berlin lebende irische Musikerin Wallis Bird, als sie ihr Album “Hands” konzipierte.

‚Hands‘ ist schon als Wort unfassbar stark. Weil Hände Sicherheit vermitteln, aber auch Gewalt zufügen können. Hände ermöglichen Sinneswahrnehmungen,

die mit zu den schönsten gehören, die man erleben kann, zum Beispiel, man einem geliebten Menschen durch die Haare streicht. Zuerst hatte ich aber vor allem gemalte Hände im Kopf. Die ersten Höhlenmalereien zum Beispiel, wo die Urmenschen die Umrisse ihrer Hände an die Wand gemalt haben, als wollten sie sagen: ‚Ich war hier,‘“erklärt Wallis Bird.

(Credit: Getty Images/iStockphoto)

Wallis Bird weiß um die Bedeutung der Hände für eine Gitarrenspielerin. Schon im Kindesalter erlernte sie das Instrument, für das man so viel Fingerfertigkeit braucht. Kinder sind aber auch unvorsichtig und so kam es im Garten der Eltern zu einem Unfall mit dem Rasenmäher.

Die Linkshänderin verlor alle Finger der linken Hand, von denen zum Glück vier wieder vollständig angenäht werden konnten. Sie  entwickelte deshalb ihr eigenes außergewöhnliches Gitarrenspiel, indem sie eine Rechtshändergitarre seitenverkehrt spielt, ohne die Saiten umzuspannen.

Hilfreiche Hand Philipp Milner

Die Gewinnerin des  deutschen Musikautorenpreises 2017 schreibt alle ihre Songs selbst. Ihr Standing erwarb sie durch sehr persönliche Konzepte. So ist das Album „Home“ aus 2016 eine intime Bestandsaufnahme ihrer großen Liebe zu ihrer Partnerin Tracey. Im Jahr vor der Pandemie brachte sie  die kämpferische, persönlich-politische Soul-Platte „WOMAN“ raus. Auch “Hands” ist über den Bezug auf ihre verletzte Hand hinaus ein sehr persönliches Ding, geprägt von ihren Beziehungen und Erfahrungen. Von besonderer Bedeutung ist beispielsweise Birds Freundschaft zu den Geschwistern Eva und Philipp Milner, die wir als Elektropop-Duo Hundreds sehr schätzen. Das Album wurde im Studio der Hundreds im Wendland aufgenommen. Wallis Bird, die sonst ihre Songs auch selbst produziert, hat diesmal einen Großteil der Produktion Philipp Milner anvertraut.“Zum ersten Mal Dinge bei der Produktion aus der Hand gegeben zu haben – das ist eine weitere Bedeutungsebene (des Albumtitels), die erst Wochen später zu mir kam”, sagt Bird.

Dass “What’s Wrong With Changing“, „I Lose Myself Completely“ und „No Pants Dance“ und noch weitere Songs nach Bewegung, Indietronics und 80er-Pop klingen – dem guten, dunklen Part des 80er-Pops wohlgemerkt. ist vor allem dem Einfluss und Können  von Produzent Philipp Milner geschuldet. Die Veränderung ist dann auch gleich Anlass für den Song  “What’s Wrong With Changing”.  Birds Erfahrungen mit ekstatischem Feiern und dem Rausch verarbeitet sie im Song „I Lose Myself Completely“. Das Schreiben von Lieder  kann Bird aber auch in einen Rauschzustand versetzen. Die wundervolle Hymne “Dreamwriting” befasst sich genau damit. Einen Song über das Songschreiben zu schreiben, ist irgendwie Metaphysik. Es gibt aber auch Konstanten auf “Hands”. Das dezent elektronisch verzierte „The Power Of A Word“, das kluge Gedanken zur Macht der Sprache mit sehr persönlichen Beziehungs-Erfahrungen verbindet  und die akustische, intime Ballade „I’ll Never Hide My Love Away“ zeigen, dass für Wallis Bird Gesellschaftskritik und Identität Themen bleiben.

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