Wahnschaffe – Bumm Bumm Bumm Bumm (EP)

Sophia Wahnschaffe im Interview

Alles auseinandernehmen, Strukturen aufbrechen, neu denken: Wenn in Zeiten des Umbruchs Musik entsteht, wird’s meist intensiv. „Alles fängt wieder von vorne an / Es heilt Stück für Stück / und du gehst deinen Weg / bis die Sonne dreht“, singt Sophia Wahnschaffe gleich im Opener ihres neuem Mini-Albums. „Bumm Bumm Bumm Bumm“ ist der Nachfolger der 2020 veröffentlichten EP „Courage“ und wird morgen am 4. März 2022 via Record Jet erscheinen.

Foto oben: Karl F. Degenhardt

Die Sängerin und Songschreiberin Sophia Wahnschaffe gibt uns im Interview Auskunft, welchen Einfluss Corona auf ihr Songwriting hatte, woher ihre Liebe zum R&B kommt und welche Gedanken sie zum Krieg in de Ukraine hat.

ADOHR: Hallo Sophia, am 04.03.2022 erscheint deine neue EP “Bumm Bumm Bumm Bumm”. Der Titel deutet auf ein aufgeregt schlagendes Herz hin. Wir können uns auf 5 soulige, groovige Deutschpop-Songs freuen. Ich freue mich auch, über dieses Interview mit dir.

Die letzten beiden Jahre waren eine schwere Zeit für alle Kulturschaffenden. Musiker:innen wurde die Auftrittsmöglichkeiten genommen. Wie hat die Corona-Pandemie und der erzwungene Rückzug die neuen Songs beeinflusst?

Sophia: Der Stillstand brachte mich dazu gezwungenermaßen so einiges in meinem Leben zu reflektieren. Das war 2019 durch die ständige Bewegung beim Touren oder Proben kaum möglich. Als der erste Lockdown hereinbrach, mussten wir eine Tour abbrechen und als ich nach Hause kam, entschied ich mich ein Heilfasten zu machen. Plötzlich kamen so viele Themen hoch, die schon lange anstanden. Ich hatte sonst nie den Kopf dafür dem auf die Spur zu gehen und so beschloss ich eine Therapie zu machen. Zeit hatte ich ja jetzt. Und plötzlich fing alles an sich in mir drin zu bewegen, umzudrehen, sich neu zu ordnen. Wer Therapie macht, weiß genau, wie anstrengend das sein kann. Für einen selbst, aber auch für seine Mitmenschen. Vieles verarbeitete ich auch durchs Schreiben, was man in den Songs der neuen EP hören kann. Ich bin normalerweise ein sehr fröhliches Wesen, aber die EP spiegelt auch die traurigen, schmerzvollen Momente und Schattenseiten der letzten Zeit wieder.

ADOHR: Deine Musik fühlt sich für mich besonders gut an, weil du es schaffst, darin Kraft und Gefühl zu vereinen. Diesen Einfluss von Soul finde ich bei der deutschsprachigen Popmusik eher selten. Hast du Vorbilder, Idole, welche musikalischen Einflüsse haben deine Musik geprägt?

Sophia: Danke, das ist ein schönes Kompliment! Ja, ich finde es schade, dass das deutsche Popmusikspektrum doch so klein und nicht besonders vielfältig ist. Tatsächlich höre ich persönlich sehr viel Musik aus US und UK, weil sie mich einfach mehr anmacht und inspiriert. Ich höre echt viel Musik und das würde hier den Rahmen sprengen alle Einflüsse zu nennen. Aber im letzten Jahr habe ich z.B. viel Laura Mvula, Remi Rolf, Amber Mark, Louis Cole und Beatenberg gehört. Oder aus vergangen Zeiten Bands, wie YES, Phil Collins, Michael McDonald und Prince. Ich stehe einfach auf Groove-Musik, komplexe Gesangsharmonien und Unangepasstheit in der Dynamik der Songs. Aber ich bin auch Kind der 90er und liebe den R&B und Gospel, wie MaryMary und Kirk Franklin. Aber damit ich hier nicht nur die deutsche Popmusik kritisiere, bekenne ich mich hiermit als Fangirl von Laing, Klan und Schmyt. So geile Ideen, Melodien und Texte. Mehr davon ;).

ADOHR: . Dein Nachname Wahnschaffe ist gleichzeitig der Name der Band. Bedeutet das, dass du alle Songs selbst schreibst, oder wie entstehen Texte und die Musik?

Sophia: Ja, die Songs schreibe ich alle selber. Die neue EP habe ich zusammen mit meiner Bassistin Hanna von Tottleben und Monti aus Hamburg produziert. Da wir uns während des Lockdowns erstmal nicht treffen durften, haben wir uns Logic-Projekte hin und her geschickt: Ich baute ein kleines Arrangement und Hanna setze Beat- und Bassideen drunter. So ging das immer hin und her, bis wir die Vorproduktionen mit Monti verfeinerten und zu dieser EP vollendeten.

ADOHR: Apropos Band, diese kann man im Video zu dem kraftvollen und extrem tanzbaren Song “Vermisse” sehen. Es handelt sich um eine reine Frauenband. Zufall oder Statement?

Sophia: Ich möchte nicht abstreiten, dass man uns als Mädelsband sicher gut vermarkten könnte in einer Zeit, wo Emanzipation und Empowerment im Trend sind. Versteh mich nicht falsch, aber Emanzipation findet man ja heute sogar in Nahrungsmittelwerbung und da frage ich mich wirklich, was das damit noch tun hat. 

Wir setzen automatisch ein Statement als weibliche Band, weil wir uns alle als individuelle Musikerinnen gegen die noch patriarchisch strukturierte Musikindustrie durchsetzen müssen. Es gibt Momente, wo man einfach noch merkt, dass wir alle, ob Frau oder Mann, unser Denken ändern müssen, im Alltag, im Business, in Social Media, überall. Aber letztendlich haben wir uns einfach als Freundinnen im Urlaub gefunden und dann beschlossen, dass es wie Arsch auf Eimer passt und wir weiter Musik zusammen machen wollen.

ADOHR: Im November 2019 habe ich dich und deine Bassistin Hanna von Tottleben in Münster als Vorband von Mr. Me erleben dürfen. Neben eurer guten Performance ist mir in Erinnerung geblieben, dass es an eurem Merch-Stand anstatt der üblichen Bandshirts eine Kollektion schicker Second-Hand-Kleidung gab. Ist das bei eurer aktuellen Tour (auf die Tourtermine weise ich gerne hin) auch so und wie wichtig ist die Nachhaltigkeit und Umweltschutz?

Sophia: Wie schön, dass du dich noch an unseren Auftritt erinnerst! Ja, ich arbeite immer noch mit der Hehlerei zusammen, die mir wieder richtig schöne Shirts designt hat. Die Hehlerei ist ein kleines, unabhängiges Modelabel aus Köln, die einzigartige Kollektionen produzieren- nur aus nachhaltiger und Secondhand Ware. Nachhaltigkeit ist mir persönlich auch wichtig und ich versuche im Alltag drauf zu achten mehr Second Hand Kleidung zu kaufen. Aber es gelingt mir nicht immer.

Tourdaten stehen auf meiner Website. Ich werde auch auf Support Tour mit Haller gehen im Juni. Die genauen Daten stehen aber noch nicht fest.

ADOHR: Aktuell treibt uns alle die Sorge um den Frieden und das Leid der Menschen in der Ukraine um. Möchtest du dich zu dem Krieg mitten in Europa äußern?

Sophia: Schockiert, überfordert, traurig. Dass sowas heute noch möglich ist. Auf der einen Seite lokal so nah an uns dran, dass einem bewusst wird, wie dankbar man für diese lange Friedensära hier in Europa sein kann. Auf der anderen Seite so weit weg, weil es mir wirklich schwer fällt die Intentionen und diese Entschlossenheit zu so eine Tat von einem politischen Führer, wie Putin nachvollziehen zu können. Und dann denke ich mir, klar, ich bin ja Deutsche. Aber selbst die Russen schämen sich ja zutiefst dafür, was der Ukraine angetan wurde. Deswegen darf Unverständnis nicht im blanken Hass auf Russland münden. Viel wichtiger ist doch zu schauen, was jeder einzelne jetzt tun kann.

ADOHR: Vielen Dank für deine Antworten.

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