Milliarden – Konzert zum Release des neuen Abums „Schuldig“

Ein Konzertbericht

Am Freitag (05.02.2021) erschien „Schuldig„, das neue Album der Berliner Rockband Milliarden. Aus diesem Anlass spielten Ben Hartmann und Johannes Aue mit ihrer Band  am Freitag in Bremen im Pier2  live ein Release-Konzert und ich konnte live dabei sein. Wie geht das, obwohl aufgrund der Pandemie alle Clubs seit gut einem Jahr geschlossen sind und Konzerte vor Publikum, wie wir sie gekannt und geliebt haben, nicht mehr stattfinden dürfen? Nun, in Bremen hat sich eine Initiative gefunden, das Pier2 technisch so aufzurüsten, dass Kultur-Events stattfinden können  und als substitut via Livestream übertragen werden. Das Format nennt sich Club 100. So saß ich am Freitag vor meinem heimischen PC-Bildschirm, ausgestattet mit einem gut gefüllten Glas Rotwein sowie Kugelschreiber und Schreibpapier. Die Nikon, die mich sonst auf Konzerten begleitet, konnte in der Schreibtischschublade bleiben.

Dass so ein ein Streaming-Konzert anders aussieht, als mit Publikum vor Ort, war klar. Gemeinsam mit der Band haben die Macher von Club 100 das Setting in die Lichtführung angepasst. Es beginnt im Halbdunklen. Die Kamera zeigt eine Glühbirne. Aus dem Dunkeln hört man immer wieder die Worte “los-leise-langsam -laut”. Opener war der Titelsong des neuen Albums “Schuldig”, der sich   besonders geeignete, weil er mit dieser von Johannes im Stakkato gesprochene Zeile  beginnt. Die Kamera bewegt sich zwischen den Bandmitgliedern und eröffnet Perspektiven, die man natürlich sonst nicht hat, wenn man vor der Bühne steht.

Der zweite Song “Rosemarie” stammt aus dem Album “Berlin” aus dem Jahr 2018. Es gibt eine Kameraeinstellung, die das Geschehen von oben zeigt. Die Band steht nicht auf der eigentlichen Bühne,  sondern hat sich im Kreis im mit leeren Stühlen bestückten Zuschauerraum einander zugewandt aufgestellt. Sie sind umringt von Spiegel. Keyboarder Johannes klatscht sich, die Band und das für ihn imaginäre Publikum in Stimmung.

Es bleibt beim Berlin-Album und dem getragenen Song “Regenbogen”. Ben zündet sich eine Zigarette an und wirkt mit seiner großen, dünnen Gestalt wie der junge Westernhagen. Nach ein Ansprache an die Zuschauern wird es inimer. Begleitet nur vom Johannes und seinem Klavier und seiner Gitarre singt Ben “Himmelsblick” aus dem neuen Album, in dieser Akustikversion ein schöner Kontrast zu der schon bekannten Single. So piano schließt sich “Oh Cherie” aus de 2016er Album Betrüger an. Wieder zusammen mit der Band wird mit dem neuen Song “Wenn ich an dich denke” .Die Band ist richtig gut. Der Schlagzeuger sieht mit langen Haaren und Vollbart aus, wie Dave Grohl. Benn legt einen wilden tanz hin.

Inzwischen hat sich Milliarden in Hochstimmung gespielt. Sie feuern sich selbst an: Happy Release Day. Abstände sind da nicht mehr einzuhalten und so holt sie die Realität ein. “ Bitte keine bösen EMails,” sagt Ben,”selbstverständlich sind wir alle getestet”So wieder von der Wirklichkeit eingefangen empfinde ich den nächsten Song “Berlin” aus dem gleichnamigen Album von 2018 als besonders melancholisch, zumal Ben über die leeren Stühle klettert. Es wird überdeutlich, dass das Publikum fehlt. So lautet die nächste Ansprache a die Leute da draußen an den Bildschirmen, stellt euch vor, wie toll alles nach dem Lockdown sein wird, soziale Kontakte sind so wichtig. Ich hol mir frischen Rotwein, genau zum richtigen Zeitpunkt,denn im nächsten Song geht es auch um Drogen, “Himbeereis und Kokain”. Bei dem Klassiker aus dem Jahr 2015, wird mir nochmal deutlich, wie klasse die Band eingespielt ist. Mir gefällt die Gitarre  besonders gut. Das Intro zum nächsten neuen Song “Neues Leben” übernehmen aber Schlagzeug und Bass.

Die Regie taucht die eigentliche Bühne in rotes Licht. Das Hintergrundbild des kopflosen Männchen von neuen Albumcover wird angestrahlt. “Swing”, ebenfalls ein neuer Song steigert sich mit heulender Gitarre zu einer Hymne. Um die Intimität von “Ich schieß in dein Herz” zu betonen, ein Song nur mit Keyboardbegleitung, verlässt Ben den Clubraum  und singt in einem kleinen Waschraum.

Auf dem Weg zurück tanzt er allein über eine Treppe zum Song “Betrüger” vom gleichnamigen Album (2016) und solo weiter auf der immer noch in rotem Licht getauchte Bühne. Seine Performance passt super zu dem etwas langsameren Song “ Die Gedanken sind frei” vom neuen Album.

Zurück zur Band. Mit Klassikern “Im Bett verhungern”  und “Freiheit ist ne Hure” steuert  das Konzert auf den Höhepunkt zu. Ob die Milliarden-Fans zu Hause jetzt mitsingen?

Vor Publikum könnt man sich nach “Ende neu”  vorstellen: Abgang der Band und Rufe  nach Zugabe. Für die imaginären Zugaben haben sich Milliarden drei echte Kracher aus dem neuen Album vorbehalten, nämlich “Die Fälschungen sind echt” und “Wonderland”. Und was könnte auch schon vom Titel  als   allerletzter Song und Rauswerfer besser sein als “Trenn dich”, der Song der auch das neue Album abschließt.


Fazit: Ich lehne mich mit einem ambivalenten Gefühl vom Bildschirm zurück. Der Club 100 und Milliarden haben sich viel Mühe gegeben, aus dem Streaming -Konzert was besonderes zu machen. Nur eine Band beim Spielen auf einer Bühne abfilmen, hätte nicht gereicht. Die Kameraführung, das Tanzen und Spielen im leeren Raum war gut gemacht. Es kam rüber, dass Milliarden eine super gute Live-Band sind. Ben und Johannes sind Rampensäue. Zugleich wurde aber schmerzlich deutlich, zurecht ist auch nicht versucht worden, es zu beschönigen, dass das Live-Publikum für die gute Stimmung und gute einfach fehlt. Trotzdem Chapeau, für die Umstände war es sehr gut.

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