Martin Kohlstedt – PAN

Martin Kohlstedt lebt und arbeitet in Weimar. Seine bisherigen Alben TAG, NACHT, STROM, STRÖME und deren Begleiter in Form von Reworks z.B. von Ätna erhielten internationaleAnerkennung und führten den Komponisten und Pianisten auf Konzertreisen in derganzen Welt.

Kohlstedt bezeichnet seine Art des Arbeitens als modulares Komponieren, die Stücke sind ständig in Bewegung und folgen auch im Konzert keiner festgelegten Form. Improvisation ist zwingend Teil des Schaffens des 1988 geborenen Musikers, ebensowie Augenhöhe mit dem Publikum, der Mut zu Scheitern und die Interaktion mit Raum, Menschen und Kontext.

Am 27.11.2020 wird Martin Kohlstedts neues Album FLUR erscheinen, welches er in seiner Wohnung in Weimar solo am Klavier aufgenommen hat. Die erste Single daraus, „PAN“ kam vorab mit einem Musikvideo. Über den neuen Track sagt Martin Kohlstedt: „Kaum ein Stück auf FLUR steht so sehr für dieses Album wie PAN. Es wird zum Schlüsselmoment, weil die Ruhe, die Schönheit und das Innehalten von PAN zum Assoziationsraum Wald werden, der FLUR ausmacht. Weil es gar nicht so sehr um den Schritt selbst geht, sondern um den Moment davor.

Interview mit der britischen Indie-Rockband “Everything Everything” anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung ihres neuen Albums “Re-Animator” (VÖ 11.09.)

„Re-Animator“ ist das fünfte Album von Jonathan „Jon“ Higgs (Gesang, Gitarre), Jeremy Pritchard (Bass), Alex Robertshaw (Gitarre, Keyboard) und Michael Spearman (Schlagzeug). Die vier Briten, ehemalige Studenten der Musikwissenschaft, formierten ihre Band Everything Everything im Jahr 2007.  Die ersten beiden Wörtern des Radiohead-Songs “Everything In Its Right Place” ergaben den Bandnamen. Mit ihrer wunderschönen, provozierenden, ja gebildeten Musik waren Everything Everything immer Lieblinge der Medien und kamen bei ihren Konzerten gut an. Ihr Debutalbum “Man Alive” wurde für den Mercury Prize 2011(Auszeichnung für die besten Alben der Jahres in UK) in die engere Wahl gezogen.

Erfolgsgeschichte

Einen Großteil der Jahre 2017 und 2018 verbrachten Everything Everything auf Tournee, darunter ihre bisher umfangreichste Amerika-Konzertreise und ihre größten Shows in Großbritannien – inklusive einer epischen Nacht im 10.000 Zuschauer fassenden Londoner Alexandra Palace. Das letzte  Album „A Fever Dream” brachte ihnen 2018 die zweite Nominierung für den Mercury Prize ein. „A Fever Dream“ zeichnet sich durch seine gesellschaftskritische Haltung aus, insbesondere in der Auseinandersetzung mit den Folgen der Digitalisierung.

Brand im Bandquartier

Auch Everything Everything haben mit dem  Corona-bedingten Lockdown zu kämpfen, wobei zusätzlich an dem Tag, als die Sperrung angekündigt wurde, ihr Bandquartier durch ein Feuer zerstört wurde. Die Band berichtete, das neben technischen Equipment mehrere  Gitarren zerstört wurden, die wegen der verbundenen Erinnerungen auch ideelle Werte darstellten. Wegen Corona und den damit verbundenen Auftrittsverboten verschoben Everything Everything die eigentlich für August geplante Veröffentlichung des Albums. Aber nun wird “Re-Animator” am 11. September und ich freue mich, dass mir Jon Higgs, der Kopf der Band, aus diesem Anlass ein Interview gegeben hat.

Interview mit Jon Higgs

Adohr: Everything Everything hat sich nie gescheut gesellschaftlich relevante Themen, wie z.B. die dunklen Seiten der Digitalisierung aufzugreifen. Der Titel eures neuen Albums Re-Animator eröffnet viele Assoziationen. Auch wenn das Album vor dem Lockdown entstanden ist, denkt man jetzt daran, dass die Welt nach dem Lockdown reanimiert werden muss. Viele verknüpfen damit die Hoffnung, dass bei der Re-Animation der Gesellschaften stärker auf den Schutz der Natur und des Klimas geachtet wird, Was ist eure Meinung dazu und welchen Einfluss hatte die Themen Schutz der Umwelt und Klimakatastrophe auf euer neues Album.

Jon Higgs: Ja, das ist eine Lesart von Re-Animator, da sich der Titel auf etwas bezieht, das dich wieder zum Leben erweckt, etwas, das dich wieder lebendig fühlen lässt. Ich denke, viele Menschen gehen durch das Leben, als würden sie in einer Endlosschleife feststecken, denken nicht wirklich, fühlen sich nicht wirklich mit irgendetwas verbunden, existieren nur. Ein Re-Animator ist etwas, das dich aus diesem Zustand herausholt – vielleicht die Geburt deines Kindes oder das Verlieben oder eine Nahtoderfahrung oder den Verlust eines Elternteils – große Lebensereignisse, durch die du plötzlich fühlst, dass du lebst, eher ein lebendes, atmendes Tier, als ein Zombie. Ich denke, man könnte sagen, dass die Pandemie für viele Menschen ein groß angelegter Re-Animator ist. Es gab viel Selbstreflexion und Überdenken, wie die Dinge sind und wie wir leben. Der Klimawandel steht immer im Hintergrund unserer Alben, und ich erwähne ihn normalerweise jedes Mal bei mindestens einem Song. Es ist nur eine von vielen Ängsten bei Re-Animator und eine, die ich aus der Sicht eines Teenagers gewählt habe, der nicht wirklich die Verantwortung für die Reparatur der Welt haben will und die Generationen hasst, die ihn dazu zwingt.


Adohr: Wenn ein Mensch reanimiert wird, wird er vom er vom Tod ins Leben zurückgeholt. Ihr steht in der Mitte eures Lebens und seid als Band sehr erfolgreich, seid bereits zweimal für den Mercury Prize nominiert worden, habt große Tourneen und riesige Konzerthallen bespielt. Wie geht ihr mit der Gewissheit um , dass das alles mal enden wird? Ein Song auf Re-Animator befasst sich mit dem Tod. In diesem Zusammenhang, welche Bedeutung haben für euch zum eine Erinnerungen die bei einer Re-Animation oft verloren gehen, aber auch materielle Werte? (Ihr habt von der Presse von einem Feuer in eurem Studio berichtet)

Jon Higgs: Ich finde es cool, wenn alles eines Tages endet und wenn wir etwas unnatürlich verlängern, ist es normalerweise für niemanden gut. Ich bin ziemlich schlecht in Erinnerungen – mein Gedächtnis ist in Ordnung, aber ich kann schlecht zurückblicken – ich mag keine Nostalgie. Es gibt einen Song auf dem Album, in dem ich singe: „Ich schaue nicht zurück und ich freue mich nicht, weil ich das Gefühl nicht mag.“ Ich spreche über genau diese Sache, es macht mir Angst, Schudgefühle zu haben oder  das Leben geht vorbei ohne Glück  in der Vergangenheit oder Gegenwart. 

Ich mag einige materielle Dinge, aber nur, wenn sie mit sentimentalen Gefühlen verbunden sind, sonst ist es mir egal – ich bin keiner für ausgefallene Gitarren oder ähnliches. Ich mag Technologie, die ich verwenden kann, Laptops oder solche Sachen, und ich mag Software! Gott, das ist lahm, aber es ist wahr, einige Software-Teile haben mir mehr Freude bereitet als jede andere materielle Sache, die mir einfällt. Wenn sie überhaupt materiell sind …


Adohr: Vor oder während der Aufnahmen von Re-Animator hast du dich mit Julian Jaynes und seinem Werk über den Bicameral Mind beschäftigt. Dies führt zu meiner letzten und vielleicht schwierigsten Frage. Wie ist dein Verhältnis zur Religion? Wenn man den Gedanken des Bicameral Mind konsequent zu Ende denkt, dann hat nicht Gott den Menschen erschaffen, sondern Gott war ein Gedanke in einer Gehirnhälfte, der von der andren als göttlich wahrgenommen wurde. Also erschuf der Mensch Gott.

Jon Higgs: Ja, ich bin fasziniert von den philosophischen Fragen, die in der Theorie enthalten sind, dass die „Stimme Gottes“die ganze Zeit  ich  selbst war, ich bin mein eigener Gott. Sehr interessant zu denken. Die Idee von vielen verschiedenen Göttern mag ich auch, Götter mit Fehlern und Persönlichkeiten, anstatt eines Mega-Gottes, der perfekt ist und all diese seltsamen Widersprüche und Paradoxien hat. Im Allgemeinen mag ich organisierte Religion nicht, aber ich mag auch die meisten organisierten Gruppen von Menschen nicht wirklich – wir neigen dazu, schreckliche Dinge zu tun, wenn genug von uns zusammenkommen. Mein Gott ist die Natur und das Universum, ob das nun ein spiritueller „Glaube“ ist, den ich nicht kenne, es schien mir immer, dass die Sonne das einzige ist, was es Sinn macht, anzubeten, und das war das erste, was alle Kulturen taten.

„Re-Animator“- Musik und Philosophie

Zum Schreiben der 11 Songs, die auf “Re-Animator” vereint sind, haben sich Everything Everything über ein Jahr Zeit genommen, Ideen zu sammeln, Songs zu schreiben und Demos zu erstellen. Der belesene und vielseitig an ernsten Themen Interessierte Haupttexter Jon Higgs fand eine Inspirationsquelle, als er über die Theorie der bikameralen Psyche stolperte, die 1976 von dem Psychologen Julian Jaynes aufgestellt wurde.

Nach dieser Theorie waren in der Frühphase der menschlichen Evolution die beiden Seiten des Gehirns getrennt, was zu einem gespaltenen Bewusstsein geführt hat, etwa so wie heute in der Psychiatrie die Schizophrenie erklärt wird. Eine Gehirnhälfte nahm die andere als Stimme wahr, die zu ihr wie Gott oder ein verstorbener Vorfahre gesprochen hat. So erklärte Jaynes die Entstehung von Religionen.

Die Faszination der Idee, von Gott in einem selbst, schlug sich unmittelbar in den Songs ‟In Birdsong” und „Planets“ nieder, die das Staunen über die Wunder der Natur thematisieren, und ‟Arch Enemy”, der mit einem elegant gewundenen Art-Funk-Rhythmus die Anbetung der falschen Götter Gier und Verschwendungssucht geißelt, die letztlich für der Klimawandel verantwortlich ist. Das Thema Doppelebene spiegelt sich auch im Song ‟Big Climb” wieder. Während der dunkle Text zum Innehalten zwingt, stürmt die Musik geradewegs auf die Tanzfläche. Die einfassende Klammer wird durch den Opener ‟Lost Powers” und das sich steigernde Finale ‟Violent Sun” gebildet. ‟Lost Powers” ist ein prächtiger Pop-Moment, in dem Higgs seinen Falsettgesang so wohlklingend wie nie zuvor zum Einsatz bringt. Das euphorische und laute “ Violent Sun”, das bestimmt live hervorragend funktioniert, setzt den grandiosen Schlusspunkt des Albums, das unter der Leitung des für seine früheren Arbeiten mit Künstlern wie St. Vincent, Sharon Van Etten, Angel Olsen und Future Islands bekannten Produzenten John Cogleton aufgenommen wurde.

Videopremiere: Long Tall Jefferson – Young Love

Cool und schüchtern zugleich.  „Wenn du wieder mal einen echt deepen Moment mit dir selber hast und in den blauen Himmel guckst. Und du erinnerst dich an deine erste große Liebe und was sie gesagt und wie sich das angefühlt hat. Und du bist froh, dass sie damals Schluss gemacht hat, weil du in Erinnerung immer mit ihr 16 sein kannst.“ Punktgenau trifft der Schweizer Long Tall Jefferson (Foto: Ella Mettler) mit knackigen Beats und kristalklaren Gitarrenriffs dieses Gefühl. „Young Love“ ist die erst Single aus dem kommenden Album CLOUD FOLK (VÖ 20.11.).

The Day – Soon I Will Forget (EP)

THE DAY ist ein niederländisch-deutsche Duo. Laura Loeters lebt in Antwerpen und Gregor Sonnenberg in Hamburg. Man kann sich vorstellen, dass es unter der derzeitigen Corona-Bedingungen eine Band am Laufe zu halten. Umso glücklicher waren sie, als The Day die Möglichkeit bekam, im Juni ein Streaming-Konzert in der retro-modernen Umgebung der Pauluskirche in Mülheim (Deutschland) zu spielen. Als Full Band, bei voller Lautstärke, ohne Einschränkungen, ohne Kompromisse. Von dem berührenden Konzert voller Erleichterung und positiver Energie haben The Day vier Tracks dieses Konzerts zu der EP „Soon I Will Forget“ zusammengefasst die ab heute erhältlich ist. (Beitragsbild: Lumi Lausas).

Dazu gehören auch zwei Video vom Konzert.

Bandcamp

Soon I Will Forget by The Day

Naked Cameo -Dead Weight

Die östereichisch Synthpopformation Naked Cameo (Foto: Katrin Schmirler) konnte vor zwei Jahrenmit ihrem Debütalbum „Of Two Minds“ ‚brillieren. Nun melden sie sich mit ihrer neuen Single“Dead Weight“ zurück. In gewohnt verspielter Manier, aber mit einem ordentlichen Einschlag Rock werden Depressionen, Verlust der Unschuld und soziale Angst thematisiert. Mit der Single liefern sieeinen Vorgeschmack auf die für den Herbst anstehend EP.

 

Poststelle 308 – Marie

Anfang des verflixten Jahres 2020 gründeten vier Wahlberliner um die Dreißig ihre Band “Poststelle 308”, die nach ihrem Probezimmer benannt wurde: Einem Raum in dem ehemaligen Bürokomplex, das heute das Berliner Rockhaus ist. Als musikalische Vorbilder benennen Konrad, Julian, Phil und Phil ganz unbescheiden die Beatles, Outkast, Jimmy Hendrix , aber auch Rio Reiser. “Angekratzter Deutscher Kreativpop mit Verstand“ sei ihr Stil. Jetzt haben Sie ihre erste Single „Marie“ draußen. Der Song geht ins Ohr. Auch schön ist dass Video dazu, denn darin kommen süße Esel vor.

Better Person -Something to Lose

Das ist schon ein Hammer. Im Video sieht man einen jungen Typ mit zurückgegeltem Haar, so dünn wie David Bowie . Mit einer Simme, die an Jimmy Summerville oder an Tony Hadley von Spandau Ballet erinnert, singt er über oszillierende Sythesizerklänge, Drumcomputer und Saxophon und katapultiert damit den Sound der 1980-Jahre in die Jetztzeit.

Adam Byczkowski (alle Fotos: Tess Roby) ist der Name des jungen Sängers. Sein Projekt nennt der gebürtige Pole Better Person. Er zog 2013 nach Berlin, um sich auf sein Soloprojekt zu fokussieren, nachdem er in Polen bereits in verschiedenen einflussreichen Bands gespielt hatte. Im selben Jahr veröffentlichte er seine erste Single „I Wake Up Tired“, woraufhin ihn das Berliner Label Mansions and Millions aus Neukölln unter Vertrag nahm und Anfang 2016 seine Debüt-EP „It’s Only You“ veröffentlichte. Es folgten 2 Jahre intensiven Tourens in Europa, Amerika und Asien. Er spielte im Vorprogramm Timber Timbre, Alex Cameron, TOPS, John Maus, Jessica Pratt, Weyes Blood, Roosevelt, Amen Dunes, Molly Nilsson und vielen mehr.

Von Neukölln nach Los Angeles

Im letzten Jahr konzentrierte er sich auf die Arbeit an seinem Debütalbum, welches er im Sommer 2019 in Los Angeles mit Ben Goldwasser (bekannt als eine Hälfte von MGMT) aufnahm. Dessen Arrangements hellten und den Sound von Better Person etwas auf und verliehen ihm durch Akustikgitarre, Congas und geschichteten Stimmharmonien noch mehr intenatinales Flair. „Something to Lose“ ist der Titeltrack des Debütalbums von Better Person, welches am 23.10. bei Mansions and Millions & Arbutus Records erscheinen wird.

„‚Something to Lose‘ ist der erste fröhliche Song, den ich je geschrieben habe“, sagt Adam. „Zuerst sollte der Song vor allem das Gefühl des frisch Verliebtseins einfangen samt der Aufregung, die damit einhergeht. Mit der Zeit bekam dieser Song aber eine noch größere Bedeutung für mich. Sich so stark und tiergehend zu verlieben, hat mich aus einer lethargischen und zynischen Starre erwachen lassen und meine ganze Sicht auf die Welt verändert.Es fällt einem ja äußerst schwer, in diesen Zeiten noch an die Menschheit zu glauben. Diese Euphorie zwischen zwei Menschen ist ein Gefühl süßer Ablenkung, die wirklich alle verdienen. Etwas, wofür es sich zu leben lohnt, ist es doch auch ein Ort, an dem man sich verstecken kann. Der Wind in deinen Haaren, die Sommerfrische, sanfte Berührungen einer anderen Person. Liebe ist die stärkste Waffe gegen Hass, der erste Schritt zum positiven Wandel – dafür lebe ich.