Herr Rauch – Sportlehrer aus Leidenschaft (VÖ: 31.07.2020)

Solange die Sonne scheint und der Wein uns schmeckt,
ist noch kein Musikant verreckt.(Leider Wein)

Seit Jahren hält das Kneipensterben an. Menschen trinken weniger Bier, arme Leute verdienen weniger Geld und junge Menschen verleben ihre Freizeit anders. Zum Glück gibt es sie aber immer noch, diese Horte der Feierabendgemütlichkeit. Dabei sind uns Musikliebhabern selbstverständlich solche Lokale besonders ans Herz gewachsen, wo man die Verköstigung von Bier mit dem Genuss von Live-Musik verbinden kann. In einem solchen Biotop wurde Herr Rauch geboren, wobei Herr Rauch kein einzelner Mensch ist, sondern das Quintett Stefan Rauch (Gesang und Gitarre), Moritz Moroff (Schlagzeug), Simon Reitschuster und Tibor Lampe (Gitarren) sowie Matthias Stadter (Trompete). Herrn Rauchs erste Auftritte als Kneipenband fanden auf einer kleinen offenen Bühne im mittelfränkischen Weißenburg statt und führte zum Langspieler „Revolution am Tresen“. Damit wurde Herrn Rauchs Kneipencharme als Markenzeichen wahrgenommen, denn dieser wurde von der Kulturzeitschrift „Carpe Diem“ anlässlich der Rezession der Platte mit „kantig, kratzig, leicht besoffen“ attestiert. Der Lebensmittelpunkt der Band wurde zwar inzwischen von der Provinz in die Metropole München verlegt. Das angestammte Habitat bleibt aber die Kneipe.

Hier trifft Herr Rauch auf die Menschen, von denen er liebevoll und treffend in den fünf Songs des neuesten Werks „Sportlehrer aus Leidenschaft“ berichtet. Hier begegnet er dem Angestellten, dessen Leben in der alltäglichen Büroroutine versinkt (Kaffee Schwarz), dem Paar, welches ihr zu liebe den Urlaub in südliche Gefilden verbringt, er aber lieber in Stockholm wäre (Salz in der Luft), der Ballettschülerin aus gutem Hause, die in der Adoleszenz den Punk entdeckt (Pogo und Ballett), dem einsamen Alten, der in der Erinnerung an seine Jugend lebt (Wann Wurde Ich Alt) und dem Typen, der nicht trinken darf, weil er nach durchfeierter Nacht alle nach Hause fahren muss (Leider Wein).

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle 
über sein Leben verloren.“ (Karl Lagerfeld)

Und wo ist der titelgebende Sportlehrer, fragt man sich. Der einzige, der eine Jogginghose am Arbeitsplatz trägt. Der eher anweisende, als vorführende Pädagoge. Nicht unbedingt ein Bild von Mann, bierbäuchig-rauchend, aber ehrlich und lebensnah. Der es geschafft hat, in eine der entspanntesten Daseinsformen jenseits vom Nirwana zu schlüpfen. Und doch – oder gerade deswegen – einen Hauch von Melancholie in sich trägt. Er ist offensichtlich das zwischen zwei Schlucken Bier seine Beobachtungen machende Alter Ego von Herrn Rauch.

Wer nun angesichts der Alltagspoesie fingergepickten Folk erwartet, liegt falsch. Auf „Sportlehrer aus Leidenschaft“ findet man ordentlich Rock und Blues, etwas Reggae und Dank der Trompete von Matthias Stadter auch eine Prise Balkan-Pop. Schmissige Musik würde der Sportlehrer sagen.

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