Album der Woche

Run The Jewels – RTJ4

„Ich habe nichts Positives zu sagen“, verkündete Michael Render (Killer Mike) am 29. Mai bei einer Pressekonferenz in Atlanta, drei Tage nachdem ein weißer Polizist neun Minuten lang sein Knie auf den Hals des kurz darauf verstorbenen George Floyd gestemmt hatte. „Er starb wie ein Zebra in der Umklammerung eines Löwenkiefers“, sagte der riesige Render weiter unter Tränen. Er sei „höllisch wütend“ und es sei an der Zeit, das „ganze System, das systemischen Rassismus ermöglicht, in Grund und Boden zu brennen“.

Foto: Tim Saccenti

Der insgesamt elf Songs in 40 Minuten umfassende Longplayer mit dem schlichten Namen „RTJ4“ sollte am 05. Juni via Jewel Runners/ RBC/ BMG erscheinen. Aufgrund der aktuellen „Black Lives Matter“- Proteste nach dem Tod von George Floyd durch weiße Polizeigewalt haben Killer Mike und Jaime Meline (El-P) von Run The Jewels am 03. Juni folgendes erklärt: “Fuck it, why wait? The world is infested with bullshit so here’s something raw to listen to while you deal with it all. We hope it brings you some joy. Stay safe and hopeful out there and thank you for giving 2 friends the chance to be heard and do what they love. With sincere love and gratitude, Jaime and Mike.” und das Album ab sofort auf ihrer Website zum Gratisdownload angeboten.  Beim Gratisdownload hat man die Möglichkeit freiwillig an den „National Lawyers Guild Mass Defense Fund“ zu spenden, der Demonstranten und Aktivisten zu Gute kommt. 

https://uk-preorder.runthejewels.com/collections/rtj4

Hochkarätige Allstar-Gäste

Auf RTJ4 ist eine Riege namhafter hochkarätiger Gäste, wie Pharrell Williams, Mavis Staples, 2 Chainz, Zack de la Rocha, Josh Homme, DJ Premier und Greg Nice zu hören. Zwischen all diesen Gastauftritten überbieten sich El-P und Killer Mike mit sprachgewaltigen Rhymes, einer Portion Galgenhumor und einer Menge Wut und Verzweiflung, beide jeweils aus ihrer weißen und schwarzen Perspektive.

Sklavenhalter auf Dollarscheinen

Nun könnte man annehmen, das Album sei schnell zusammengeschrieben worden, um auf auf die aktuellen Unruhen in den USA zu reagieren. Dem ist aber nicht so. RTJ 4 ist das Ergebnis von zwei intensiven Jahren Songwriting. Killer Mike und El-P reflektieren die Welt wie sie ist und nehmen wahr, dass der Rassismus, der sich nicht zum ersten Mal in besonders widerwärtiger Gewalt offenbarte, eine traurige Kontinuität hat. So lassen sie in „JU$TPharell Williams und den zorndurchtränkten Rage-Against-The-Machine-Sänger Zack de la Rocha sich abwechselnd dazu auffordern, mal all die Sklavenhalter auf den Dollarscheinen anzusehen.

Liberale Twitter-Rants reichen nicht

Dass es mit der Ablösung des ersten schwarzen Präsidenten Barak Obama durch den unsäglichen Trump nicht besser wird, war absehbar. Die politisch denkenden RTJ weisen aber auf den Missstand hin, dass Rassismus strukturell in der Gesellschaft angelegt ist. Auf „Walking In The Snow“ regt sich El-P über den weißen Trump-Wähler aus der Unterschicht auf. Und Killer Mike hält ihm dafür den Spiegel vor – auf weiße Liberale wie ihn sei am Ende schließlich auch kein Verlass: „You so numb you watch the cops choke out a man like me / Until my voice goes from a shriek to a whispered ‚I can’t breathe‘ / And you sit there, in house, on couch, and watch it on TV / The most you give’s a Twitter rant and call it a tragedy.“

Auch ohne die die aktuellen Ereignisse hätte man konstatiert, dass Run The Juwels ein gutes wütendes , aber humorvolles Album gemacht haben, das auch Menschen anspricht, die sonst keine ausgesprochenen Hip-Hop -Fans sind. Angesicht der Situation kommt man an dem Album nicht vorbei.

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