Heute veröffentlicht die norwegische Band Vonheim ihr zweites Album „In The Deep“- Interview zum Release

Cover: Vonheim -In The Deep- Snowhite/Roughtrade

Vonheims zweites Album  verharrt nicht im Stadionrock des Erstwerks. Vielmehr wird der Alternative Rock durch subtile Indie-Rock-Elemente gebrochen. Streicherarrangements und experimentelle Synthesizerklänge machen «InThe Deep» zu einem Meilenstein in Vonheims musikalischer Reise. Zum Release von „In The Deep“ äußert sich Frontmann Erlend Vesteraas gegenüber „Auf die Ohren“ dazu, was Heimat für die Band bedeutet, wie Veränderungen sich auf ihre Musik auswirken, über die Zusammenarbeit untereinander und mit anderen Bands und über Zukunftspläne. In Zeiten leider geschlossener Grenzen und des Kontaktverbots wurde das Interview per E-Mail geführt.

Vonheims Frontmann Erlend Vesteraas im Inteview

Auf die Ohren: Hallo, ich heiße Thomas. Ich schreibe einen Blog über populäre Musik. Ein Schwerpunkt ist Musik aus Skandinavien. Ich freue mich sehr, Dir ein paar Fragen stellen zu dürfen. Vor drei Jahren war ich mit ein paar Freunden in Oslo, um den Marathon zu laufen. Wir waren von den freundlichen Menschen dort, dem Fjord und der Stadt begeistert (nur die Marathonstrecke war nicht sehr flach). 

Erlend: Zunächst einmal – danke, dass Du Dich an uns gewandt hast. Ich bin auch froh zu hören, dass Du Oslo genossen hast. Ich habe den Oslo-Marathon selbst ein bisschen ausprobiert und weiß, dass die Strecke nicht flach ist.

Auf die Ohren: Für die Aufnahme Eures ersten Albums hat es Euch in die kleine Stadt Flø  in der Natur der norwegischen Westküste gezogen. Euren Bandnamen  habt ihr von dem Versammlungshaus in Flø genommen, wenn es stimmt, was ich gelesen habe. Der Song “Westcoast„auf Ihrem neuen Album wirft einen Blick auf das Leben an der Westküste Norwegens. Was bedeutet Heimat für euch, auch mit Blick darauf, dass Konflikte,  Krisen, Katastrophen (wie z.B die Klimakrise) global entstehen und gelöst werden müssen?

Erlend: Richtig. Der erste Beginn von Vonheim war in Flø an der Westküste Norwegens. Wir packten unsere Autos voll mit Aufnahmegeräten, Instrumenten und Essen und blieben ungefähr eine Woche dort. Dieser schöne kleine Ort am Meer zeigt uns die Vielseitigkeit des norwegischen Wetters – es kann rau und hart sein, aber gleichzeitig schön und atemberaubend. Dunkle und schwere Wolken sind ein häufiger Anblick, aber oft sieht man auch einen Lichtstrahl durch die Bewölkung. Zuhause. Zuhause kann viel bedeuten. Zuhause ist in meiner Wohnung in Oslo mit meiner Frau und meiner Tochter. Der sicherste Ort, an dem ich sein kann. Ich fühle mich in Norwegen zu Hause. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen und alles hier ist etwas, mit dem ich vertraut bin. Ich fühle mich auch an Orten zu Hause, die zu mir sprechen, und mit Menschen, mit denen ich Interessen und Werte teile. Wenn Du es in einem größeren Bild betrachtest, ist Mutter Erde unser Zuhause. Während der Zeit, in der wir uns in der Corona Krise befinden, haben wir definitiv das Gefühl, dass wir zusammen sind und dass jeder Mensch auf dem Planeten den gleichen Kampf führt. Auch wenn wir die Corona Situation gerne überspringen würden, ist es in gewisser Weise auch schön zu sehen, dass einmal in jedem Land jeder Mensch für etwas zusammenarbeitet. Ich denke und hoffe, dass diese Katastrophe uns näher zusammenbringt. Wir sind jetzt gezwungen, gemeinsam einen Weg zu finden, um die Dinge zu klären. Diese Krise ähnelt in meinen Augen dem Wetter in Flø: Sie ist rau, dunkel und schwer, aber es gibt oft ein Licht – einen kleinen Hoffnungsschimmer, an dem man sich festhalten kann.

Auf die Ohren: Euer Song „Moving On“ handelt davon, dass es an jedem Ende einen neuen Anfang gibt. Mehrere Songs auf dem Album (In the deep, The dark night of the soul, This is it, My darkest side) beschäftigen sich mit Lebenskrisen, in die sich jeder hineinversetzen kann. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, um dies zu ändern. Wie wirken sich solche Veränderungen in Lebenssituationen auf Eure Musik aus? Eure Musik hat sich auch verändert, wenn man  Eure beiden Alben miteinander vergleicht.

Erlend: Ich denke, wir ändern uns  ständig. Die Dinge um uns herum ändern sich und wir auch. Das Leben ist voller Höhen und Tiefen und das Leben selbst kann hart genug sein. Keiner von uns hat eine dunkle Geschichte mit Drogenmissbrauch, gewalttätiger Vergangenheit oder öffentlichen Skandalen, aber die „täglichen“ Kämpfe können auch hart sein. Krankheit, Kindererziehung, Verlust unseres Jobs, Verlust unserer Freundin, Freunde, die weggegangen sind, Menschen, die sterben, Träume, die nie durchgekommen sind, Ehen, die zusammenbrechen – all dies ist ein Teil dessen, womit die Menschen jeden Tag zu tun haben. Wir schreiben über ein normales Leben, in dem es Chaos und Dunkelheit gibt. Und wir versuchen zu beschreiben, wie oft wir versagen. In unseren Texten steckt aber auch ein Hauch von Hoffnung. Etwas, an dem man sich festhalten kann und das die dunkelsten Tage erhellen kann – eine Freundin, unsere Kinder, ein Lächeln von jemandem, den man nicht kennt, ein Blick auf Gott oder eine Hoffnung in irgendeiner Weise. Das macht unser Leben reich und das wollen wir ausdrücken. Im Vergleich zu unserem ersten Album hat dieses Album eine neue musikalische Verpackung. Wir haben zwei unserer Bandmitglieder gewechselt und sie haben ihre Musikalität in die Band eingebracht. Als sie herein kamen, gaben sie uns einen neuen Ansatz beim Erstellen und Arrangieren unserer Songs. Wir wollten auch mit anderen Instrumenten experimentieren: mehr Synthesizer, Blasinstrumente und Streicher. Wir wollten auch eine Aufnahme mit dynamischeren Variationen machen. Ich denke, obwohl wir einige Schritte in eine andere musikalische Richtung unternommen haben, haben wir dennoch irgendwie unseren „Sound“.

Foto: Sara Angelica Spilling

Auf die Ohren: Wie entstehen eure Songs? Gibt es einen Songwriter oder arbeitest Ihr in einem Team? Zwischen „Lift Your Head“ und jetzt „In The Deep“ lagen 5 Jahre. Wie hält man als Band über einen so langen Zeitraum zusammen? Gibt es dazwischen noch andere Jobs? Ich habe kürzlich ein wunderschönes Lied von Konradsen (“Give It Back To The Feelings”) gehört, bei dem Du mitgesungen hast.

Erlend: Der Songwriting-Prozess beginnt normalerweise mit einer Song-Skizze, normalerweise von mir. Dies sind oft nur Stücke eines Liedes; eine einfache Melodie, ein Refrain oder ein Vers. Dann beginnt die Teamarbeit. Es ist sehr oft eine Menge Arbeit, ein Lied zu einem Vonheim-Lied zu machen. Wir lassen keine Ideen zurück und kriegen uns oft in die Haare (diejenigen, die Haare haben). Keiner von uns hat eine klare Bandleader-Rolle und kann sich entscheiden, aber obwohl der Prozess lang ist, erhalten wir normalerweise ein Produkt, an dem jeder teilgenommen hat. Vonheim ist im Grunde eine Gruppe von Freunden. Wir mögen es zusammen rumzuhängen und respektieren die Ungleichheiten der anderen, nicht nur in der Musik. Deshalb denke ich, dass wir immer noch zusammenhalten. Wie bereits erwähnt, haben einige Bandmitglieder gekündigt, aber das liegt daran, dass sie weggezogen sind. Einige von uns spielen auch mit anderen Bands. Wie Du bereits erwähnt haben, spiele ich Bass mit der Band Konradsen. Diesen Winter sind sie durch Europa gereist und haben für ihr Debütalbum auch einen norwegischen Grammy gewonnen. Das ist nur ein Beispiel. Es gibt auch andere Bands, mit denen wir von Zeit zu Zeit spielen.

Auf die Ohren: Wo wird Vonheim in weiteren fünf Jahren sein? Gibt es 3 Alben von Vonheim oder viele mehr? Wird Vonheim noch eine Gitarren- oder Synth-Rockband sein?

Erlend: Wir haben bereits begonnen, an einigen neuen Songs und Materialien zu arbeiten, also wird es hoffentlich in naher Zukunft weitere Veröffentlichungen geben. Aber wir wissen nicht wann oder in welchem Format – vielleicht zuerst eine EP, danach ein neues Album. Abgesehen davon, wollen wir jetzt auch wirklich raus, von Stadt zu Stadt reisen und vor Leuten spielen. Hoffentlich können wir auch sehr bald nach Deutschland kommen, wenn sich die Corona Situation bald bessert. Ich denke,  so wie Vonheim heute ist, wirst Du die Band auch bei unseren zukünftigen Veröffentlichungen hören. Aber wir wollen immer wieder neue Dinge ausprobieren und experimentieren. Ich habe es wirklich genossen, Streicher und Holzbläser zu verwenden, also vielleicht mehr davon? Wer weiß ?

Mehr Infos zum neuen Vonheim Album „In The Deep“ gibt es hier.

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